Von Jürgen Dahl

Zwanzig Millionen Autos auf sechzig Millionen Einwohner (Neugeborene inklusive), ein unverdrossener Straßenbau, Zeitungsinserate, welche ein "Kraft-Leistungs-Paket mit Persönlichkeits-Profil für die Alle-Tage-Rallye über Land und in der Stadt" anpreisen: Nichts deutet darauf hin, daß das Prinzip des Privat-Automobilismus in einer breiteren Öffentlichkeit an Erwünschtheit oder Beliebtheit verloren hätte. Das Erstaunlichste an den hier anzuzeigenden Büchern ist demnach, daß es sie überhaupt gibt:

Hans Dollinger: "Die totale Autogesellschaft", Carl Hanser Verlag, München 1972; 285 S., 16,80 DM;

Karl Franken (Hrsg.): "Die automobile Gesellschaft. Verkehrswissenschaftliche Bestandsaufnahme"; rororo tele 52; Rowohlt Taschenbuch Verlag, Reinbek 1972; 136 S., 3,80 DM;

Erwin Deischl: "Umweltbeanspruchung und Umweltschäden durch den Verkehr in der BRD. Vergleich zwischen Straße und Schiene"; Verlag Druck- und Verlagsdienst, Taunusstein 1972; 104 S., 12,60 DM

Nach aller Auto-Euphorie des vergangenen Vierteljahrhunderts kommt es ja doch überraschend, wenn die Autogesellschaft auf einmal nicht mehr mit den Augen des sportiven Liebhabers betrachtet wird und auch nicht mit denen des Wirtschaftlers, der in einer florierenden Automobilindustrie die Vorbedingung allen Wohlergehens sieht.

Nicht weniger erstaunlich ist anderseits, daß die Kritik erst jetzt kommt. Denn vieles von dem, was man heute gegen den Individualverkehr einwendet, hätte man gestern und vorgestern schon einwenden können – aber seit sechzig Jahren, als der Freiherr von Pidoll in Wien seine Protestschrift "Der heutige Automobilismus" veröffentlichte, sind die Nachteile und Fehler dieses Fortbewegungssystems höchstens punktuell beanstandet, nie aber in einem so rabiaten und einleuchtenden Plädoyer gegen das Auto zusammengefaßt worden wie in Hans Dollingers Buch. Dollinger schildert die Ursachen der "totalen Autogesellschaft", ihren gegenwärtigen Zustand und die Folgen, die daraus erwachsen, und er gibt ein Bild von der engen und auf den ersten Blick kaum durchschaubaren Verflechtung von Interessen und Mechanismen, Anlässen und Auswirkungen: