Anläßlich des 20. Todestages von Kurt Schumacher erklärte Bundeskanzler Brandt:

"Gerade vor dem Hintergrund des eben Gesagten sei nun noch einmal festgestellt: Demokratischer Sozialismus ist kein Dogma und keine Heilslehre. Aber vor zwanzig Jahren sagte Carlo Schmid am Grabe des toten Parteiführers Kurt Schumacher zu Recht, es sei dessen Überzeugung gewesen, daß als Fundament politischer Konstruktion nur taugen könne, was in seiner Statik so durchgerechnet sei, "daß es auch die Belastungen mit den Forderungen der Moral zu tragen" vermöge.

Ich kann und will niemanden daran hindern, über gesellschaftliche Veränderungen nachzudenken, die über unsere erklärte Politik hinausreichen. Aber niemand, der für die SPD spricht, darf einen Zweifel daran aufkommen lassen, daß unsere Politik darauf abzielt, im Sinne des Grundgesetzes den demokratischen und sozialen Bundesstaat so auszubauen, wie dies im Godesberger Programm entwickelt worden ist. Ob Staat oder Wirtschaft, Kultur oder Gesellschaft: Sozialdemokratische Politik kann nie etwas Abstraktes sein. Wir haben mit unserer Reformpolitik bei den Alltagsproblemen angesetzt, bei dem, was die Bürger unmittelbar angeht. Allen Unkenrufen der Opposition zum Trotz haben wir Schritt für Schritt in die Tat umgesetzt, was wir in der Regierungserklärung gemeinsam mit der FDP angekündigt hatten. Das sehen alle auf dem Felde der sozialen Sicherung, und nicht nur dort Große Vorhaben, von denen die CDU nur redete, haben wir verwirklicht: Städtebauförderungsgesetz, Betriebsverfassungsgesetz, das Programm für den Umweltschutz, den Bildungsgesamtplan...

Die politische Richtlinie für die Sozialdemokratische Partei – heute und im weiteren Verlauf der siebziger Jahre – ist die zunehmende Verwirklichung der sozialen Demokratie. Ohne Demokratie in Staat und Gesellschaft, ohne Mitbestimmung in allen großen Bereichen wird es auf die Dauer keinen stabilen demokratischen Staat, keine ausgewogene freiheitliche Gesellschaft, keine mündige Nation geben.