Es ist verblüffend, festzustellen, wie aktuell der fast 200 Jahre alte philosophische Entwurf "Zum ewigen Frieden" von Immanuel Kant geblieben ist. Darin stellte der deutsche Philosoph den Grundsatz auf, das "kein Staat... sich in die Verfassung und Regierung eines andern Staats gewalttätig einmischen (soll)" (Präliminarartikel 5), es sei denn, daß "ein Staat sich durch innere Veruneinigung in zwei Teile spaltete, deren jeder für sich einen besonderen Staat vorstellt, der auf das Ganze Anspruch macht... Solange aber dieser innere Streit noch nicht entschieden ist, würde diese Einmischung äußerer Mächte Verletzung der Rechte eines nur mit seiner inneren Krankheit ringenden, von keinem andern abhängigen Volks, selbst also ein gegebener Skandal sein und die Autonomie aller Staaten unsicher machen." Ferner verurteilte Kant im Präliminarartikel 6 "Feindseligkeiten", "welche das wechselseitige Zutrauen im künftigen Frieden unmöglich machen müssen", "denn irgendein Vertrauen auf die Denkungsart des Feindes muß mitten im Krieg noch übrigbleiben, weil sonst auch kein Friede abgeschlossen werden könnte und die Feindseligkeit in einen Ausrottungskrieg (bellum internecinum) ausschlagen würde".

In der Tat ist die amerikanische "Einmischung" in den vietnamesischen "inneren Streit" längst ein internationaler "Skandal", ja praktisch ein "Ausrottungskrieg", jedenfalls eine "Einmischung äußerer Mächte" unter Führung der Vereinigten Staaten, eine "Verletzung der Rechte eines nur mit seiner inneren Krankheit ringenden Volkes". Die "innere Krankheit" Vietnams war die Unfreiheit, und das Heilmittel sollte die Revolution sein. Dazu:

John T. McAlister, jr./Paul Mus: "The Vietnamese and Their Revolution"; Harper & Row Publishers Inc., New York 1970; 173 Seiten, $ 1,95;

N. Khac Huyen: "Vision Accomplished? – The Enigma of Ho Tschi Minh"; Collier-Macmillan Ltd., New York/London, 1971; 377 Seiten, 90 p.;

Diethelm Weidemann/Renate Wünsche: "Vietnam 1945–1970 – Der nationale und soziale Befreiungskampf des vietnamesischen Volkes"; VEB Deutscher Verlag der Wissenschaften, Berlin 1971; 340 Seiten, 11,80 DM; Vo Nguyen Giap: "Volkskrieg, Volksarmee"; aus dem Französischen von Winfried Hauck; Trikont-Verlag, München 1968; 175 Seiten, 7,80 DM;

Le Duan: "Die vietnamesische Revolution – Grundlegende Probleme, wesentliche Aufgaben"; Schriftenreihe 2 der KPD-Aufbauorganisation: Internationale Kommunistische Bewegung Bd. 1; Verlag Rote Fahne, West-Berlin 1971; 159 Seiten, 6,– DM

In dem gemeinsamen Werk von McAlister und Mus, einer soziologischen Abhandlung, wird der Krieg in Vietnam quasi als Kampf zwischen "Land" und "Stadt" (Lin Piao) begriffen, als Konflikt zweier Wertvorstellungen: hier vertreten durch die Mehrheit der Bevölkerung, ehemals verachteter Bauern, dort durch die dünne Schicht der Elite, die "städtisch" orientiert ist und nur in Zusammenarbeit mit den hochentwickelten Industriestaaten herrschen kann. Nach Meinung der Autoren erklärt sich der Erfolg der Kommunisten auch daraus, daß deren Wertvorstellung (soziale Gerechtigkeit) mit der bäuerlichen übereinstimmt. Für die Bauern ist der Kampf um nationale Freiheit identisch mit dem Kampf um persönliche Gleichheit: "Durch die Revolution und nicht durch wirtschaftliche Entwicklung und Industrialisierung haben diese Dorfbewohner zum erstenmal die Möglichkeit gehabt, ihre von Passivität und gleichbleibender Routine bestimmte Lebensweise aufzugeben und durch selbst initiierte Aktionen einen völlig neuen Status zu erlangen."