Von Hans Otto Eglau

Die mehr als 100 000 Aktionäre der Rheinstahl AG sehen sich vor eine harte Geduldsprobe gestellt. Nach zwei Jahren, in denen sie wenigstens eine Trostdividende von sechs respektive fünf Prozent kassieren konnten, gehen sie diesmal erneut leer aus. Bereits 1967 und 1968 hatte ihr Geld "ehrenamtlich" im Konzern gearbeitet.

In der Hauptversammlung forderte ein Kleinaktionär letzte Woche unter dem Beifall zahlreicher Leidgenossen schlicht die Liquidierung des (in der Tabelle der größten deutschen Industrieunternehmen an 17. Stelle rangierenden) Essener Stahl- und Maschinenbau-Konzerns, "solange noch Substanz vorhanden ist". Es entbehrte dabei nicht einer gewissen Pikanterie, die im Aufsichtsrat sitzenden Großbankenvertreter mit Vorstandsbossen und Belegschaftsmitgliedern in seltener Harmonie gegen "eine so krasse Unvernunft" (Aufsichtsratsvorsitzender Andreas Kleffel) fechten zu sehen.

Nun ist es sicherlich nicht alltäglich, daß ein Aktionär die Liquidierung eines Großunternehmens mit 64 000 Beschäftigten und einem Umsatz von 5,7 Milliarden Mark verlangt. Gleichwohl ist, unabhängig vom "Fall Rheinstahl", eine solche Forderung keinesfalls so revolutionär, sondern – in der Sprache unserer Zeit – durchaus "systemimmanent". In einer Wettbewerbswirtschaft, die diesen Namen Verdient, darf Größe kein Grund dafür sein, einem Unternehmen die Folgen seines Mißerfolgs zu ersparen, selbst wenn diese zu seinem Ausscheiden aus dem Markt führen.

Was nun Rheinstahl betrifft, so ist der Unmut der Kleinaktionäre nur allzu verständlich. Infolge gravierender Führungsfehler erlitt der Konzern in den Jahren 1967/68 einen Verlust von fast 200 Millionen Mark, der nur durch einen Rückgriff auf die Substanz, vor allem durch ausgedehnte Grundstücksverkäufe, optisch ausgeglichen werden konnte. Sicherlich darf der im Frühjahr 1968 an die Rheinstahl-Spitze berufene Ford-Manager Toni Schmücker heute zu Recht das Verdienst in Anspruch nehmen, mit seinem Vorstand das Unternehmen seinerzeit "vor dem Zusammenbruch bewahrt zu haben". Doch die in den folgenden Jahren erzielten Rationalisierungsgewinne wurden vor allem von den Löhnen wieder aufgefressen. Für die Aktionäre blieb kaum etwas übrig. Allein die 1971 – trotz einer Verringerung der Belegschaft um rund sechs Prozent – angefallenen Mehraufwendungen für Löhne und Gehälter hätten ausgereicht, um eine Dividende von zehn Prozent zu zahlen.

Rheinstahl, so scheint es heute, kann weder leben noch sterben. Eine umfassende Strukturreform des Konzerns erfordert Geld, das in überschaubarer Zukunft weder durch angemessene Gewinne, noch durch eine Erhöhung des seit 1960 unveränderten Kapitals aufzubringen ist. Welcher Aktionär möchte schon neues Geld in ein Unternehmen einschießen, das ständig um seine Existenz ringen muß? Es rächt sich heute bitter, daß es die alte Rheinstahl-Führung versäumte, die fetten Jahre dazu zu benutzen, den Konzern krisenfest zu machen.

Vieles von dem, was längst überfällig war, konnte Schmücker verwirklichen. So veräußerte er die unrentablen Lastwagenwerke Henschel-Hanomag an Daimler-Benz und stellte die Produktion von Ackerschleppern ein. Die Landmaschinenfertigung in Essen wurde aufgegeben, die Hydraulikherstellung an Linde verkauft. Ende dieses Jahres soll schließlich auch die Lkw-Motorenfertigung im Hanomag-Werk auslaufen.