Man nehme zu etwa gleichen Teilen Miniaturen, Kalligraphien, Teppiche, Stoffe, Wandfliesen, Schalen und Krüge – wobei man zwecks feinerer Geschmacksbildung auf eine ausgewogene persisch-türkische Mischung achte (kleinere Beigaben tunesischer oder marokkanischer Provenienz können nicht schaden), schmecke das Ganze mit ägyptischen Holzschnitzereien ab und lasse es bei mäßigem Feuer längere Zeit kochen. Sobald sich alle Teile miteinander verbunden haben, treibe man die heiße Masse durch ein Sieb und lasse sie erkalten. Während des Abkühlens kristallisieren sich bestimmte Substanzen heraus: Linie, Oberfläche, Farbe, die man sorgfältig abschöpfe und in einem Interpretationstöpfchen sammle. Soweit die erste, "Orient" betitelte Hälfte des Rezepts.

Nun suche man im Herbarium der europäischen Kunst des zwanzigsten Jahrhunderts diejenigen Trockenpflanzen heraus, die in Form und Farbe den orientalischen Exemplaren zu entsprechen scheinen, wässre sie, lasse sie quellen und warte geduldig, ob sie den erwarteten Duft ausströmen. Dies ist der zweite, Fingerspitzengefühl erfordernde Teil des Rezepts, genannt "Okzident". In einem letzten Arbeitsvorgang rühre man jetzt Orient und Okzident zusammen, in der Hoffnung, daß die Mischung sämtlicher Zutaten die eigentliche Würze dieser Spezialität ergeben wird: den Bindestrich. Denn er allein garantiert die Bekömmlichkeit der Kunstspeise.

Den Straßburger Köchen, die im Auftrag des Europarates dieses Rezept entwickelt haben, ist eben der Clou ihres Ausstellungsmenüs mißlungen: "Okzident – Orient", in der Ancienne Douane" appetitlich angerichtet, führt den Bindestrich zwar auf der Speisekarte, der Gast bekommt ihn jedoch nicht zu schmecken. Man serviert ihm ein vielversprechendes Ragout, zubereitet aus allerlei Ingredienzen verschiedener Herkunft, dem leider die allumfassende Soße fehlt. Wie schon Rumohr in seinem "Geist der Kochkunst" feststellte, fällt aber gerade der Soße die Aufgabe zu, "Speisen schlüpfriger zu machen, damit sie um so bequemer die Kehle hinabgehen". Ohne sie sitzt man in Straßburg lustlos und kauend an reichgedeckter Tafel. Und sollte doch, so war die offizielle Absicht, hier das Dessert zur Münchner "Weltkulturen"-Ausstellung serviert bekommen. Helmut Schneider