Von Hans Krieger

Summerhill und die Folgen: das ist nun auch schon fast wieder zur Geschichte geronnen. Es gab einigen Glaubensstreit, allerhand Umsätze wurden im Buchgeschäft gemacht. Eine Mode kam und ging – so sieht es heute manch "liberaler" Intellektueller und legt das ganze Kapitel "antiautoritärer Erziehung" zu den Akten: ein paar Blätter mehr in der unerschöpflichen Registratur menschlicher Torheiten und Illusionen. Und angesichts des erbärmlichen Terrors einer winzigen Gruppe verzweifelter Fanatiker – vor dem ein unvergleichlich brutalerer, aber weit entfernter Bombenterror zur behaglichen Bildschirmgroteske zu verblassen scheint – meinen einige, schon immer gewußt zu haben, wohin das führen müsse, wenn die "Autorität" nichts mehr gilt.

Was blieb von der Idee der "antiautoritären Erziehung"? Ein Haufen von Mißverständnissen – auf beiden Seiten. Und was besagt das für die Möglichkeit und Notwendigkeit einer freien Erziehung? Überhaupt nichts.

Jetzt kommt ein Buch zu uns, das schon vor 13 Jahren in England erschien –

Paul und Jean Ritter: "Freie Kindererziehung in der Familie", aus dem Englischen von Marita Dvořák und Gerd Stöhr; Rowohlt Verlag, Reinbek; 317 S., 12,80 DM.

Es ist hilfreich, obwohl – nein: weil es ganz und gar keine geschlossene Theorie, kein System von Lehrsätzen und Musterbeispielen bietet, nicht anspruchsvoll verkündet: so wird’s gemacht. Und obwohl es in seiner überströmenden Mitteilsamkeit streckenweise auch auf die Nerven gehen kann. Und obwohl Sätze drinstehen, über die man, gerade wenn man mit der Grundintention einig ist, den Kopf schütteln muß.

Nein, Paul und Jean Ritter sagen nicht, wie er gemacht wird. Sie erzählen, wie sie es gemacht haben. Sie schildern, nach welchen Prinzipien sie ihre fünf Kinder (inzwischen wurden es sieben) aufgezogen haben, welche Konflikte und Schwierigkeiten sie dabei erlebten und welche Gedanken sie sich darüber machten. Sie tun es mit schönem Mut zur Subjektivität – eine rare, aber wichtige Qualität. Und mit jener schlichten, ganz unprätentiösen Selbstverständlichkeit, die nur echte Überzeugung verleiht. Wirklich erlebte und erfühlte Wahrheit braucht keinen Glaubenseifer.