ARD, Dienstag, 22. August: "Erinnerung an einen Sommer in Berlin", von Rolf Hädrich

Es sei damals alle? so sauber gewesen im Dritten Reich, sagt Heinz Maria Ledig-Rowohlt, man habe auch keine Freundin mehr haben dürfen, sondern gleich heiraten müssen. "Die Olympischen Spiele haben begonnen!" schmettert etwas später der junge Henri Nannen in das Berliner Stadion. Der Heilgruß anderer Nationen sei eine Art pazifistischer Geste gewesen und habe etwas zum Ausdruck gebracht, das Hitler nicht vorgesehen habe, erklärt Albert Speer, den Joachim Fest mit dem Auto durch das Berlin von heute fährt.

Und so geht es weiter, alles ist wahr und authentisch und erhellend für das, was 1936 in Berlin los war. Aber genügt es, das und vieles mehr, Dokumentarisches und Fiktives, in eine optisch-akustische Collage zu verteilen und der Überzeugungskraft des Materials zu vertrauen? Von Leni Riefenstahl und Albert Speer, zwei der großen Naiven des Dritten Reiches, hätte man gern mehr gehört; vielleicht hätten sie jenen Berliner Sommer vor sechsunddreißig Jahren plastischer werden lassen. Statt dessen muß Ledig-Rowohlt Rolltreppe fahren oder auf dem Kudamm erklären: Hier und in ähnlichen Lokalen haben Tom und ich damals gesessen und über Gott und die Welt gesprochen. Wer hätte das gedacht.

Tom, das ist Thomas Wolfe, dessen Berlin-Kapitel aus dem Buch "Es führt kein Weg zurück" Hädrich mit Schauspielern nachgespielt und durch Originalaufnahmen, Interviews und Statements ergänzt und kommentiert hat. Er bietet alles Erreichbare auf: Ufa-Wochenschauen, Passagen aus Leni Riefenstahls Olympia-Film (die, eine fragwürdige Methode, nur einmal als Ausschnitt gekennzeichnet sind), Rundfunksendungen und Schlager von damals und neben Leni Riefenstahl, Speer und Ledig-Rowohlt einen der beteiligten Sportler und den amerikanischen Historiker William L. Shirer, der 1936 ebenfalls in Berlin war.

Hädrichs Methode der ständigen Verklammerung von Spiel und Realität, vor Jahren beim "Mord in Frankfurt" zu Recht gepriesen, überzeugte diesmal nicht. Man bewunderte in einzelnen Bildern und Szenen die geschickten Obergänge oder sogar die Gleichzeitigkeit alten Filmmaterials und nachgestellter Sequenzen; aber die vielen verschiedenen Elemente blieben isoliert, lauter Geschnetzeltes, sie ergaben kein Ganzes, der Film fiel immer wieder in seine so schön kalkulierten und so kunstvoll arrangierten Bestandteile auseinander.

Zudem ist Wolfes Vorlage nicht nur unerträglich schwülstig, sie wurde auch viel zu ausladend und pathetisch inszeniert und nicht selten geradezu laienhaft gespielt. Wenn der amerikanische Schriftsteller über die "Zeichen der Zersetzung" philosophierte, die eine "Seuche des Geistes" seien, über die "Urkraft des Bösen", die "dem furchtbaren Erbe der ganzen Menschheit" angehöre und nun auch Deutschland, "das geliebte Land meines Herzens", heimsuche, wenn der junge Ledig-Rowohlt seinen arglosen Freund immer wieder von der veränderten politischen Realität in diesem Land zu überzeugen versuchte oder Shirer sich von der politischen Naivität seines Landsmannes distanzierte – dann fragte man sich, warum überhaupt Hädrich ausgerechnet diesen Zeugen seiner Zeit so aufwendig und wortreich bemühte.

Der Olympia-Frieden war uns schon etwas unheimlich, sagte Ledig-Rowohlt. Das hätte man spüren müssen – in diesem Film wurde nur davon geredet. Wolf Donner