Die fast vierstündige Aufführung von Horváths "Geschichten aus dem Wiener Wald" an der Schaubühne am Halleschen Ufer in Berlin wird den Zorn der Horväth-Philologen erregen; sie irritierte einen großen Teil des Premieren-Publikums. Die Buhrufer waren vielleicht Textkenner, die sich bei dem großzügigen Umgang der Schaubühnen-Dramaturgie (Dieter Sturm) mit dem "Original" aufregten, daß nämlich durch Striche, vor allem aber Einschübe aus Horváth-Werken und -Fragmenten eingreifend verändert wurde – es mögen aber auch doktrinäre Linke gewesen sein, die sich über die zunehmende Phantastik, über die verlangsamte, bis ins Halluzinatorische verrätselte szenische Bildsprache, über diesen wuchernden Wald von nach außen gekehrtem Unbewußten ärgerten.

Diese uneinheitliche, partienweise noch unvollkommene und angestrengte, diese widerspruchsvolle, wüste und alptraumhafte Aufführung enthält einen Grundwiderspruch: den zwischen Textfassung und szenischer Vision. Grob gesprochen: die Textfassung ist marxistisch, die Inszenierung surrealistisch. Die Textfassung verschärft noch Horváths Blick auf den depravierten, von der Weltwirtschaftskrise gebeutelten Mittelstand Anfang der dreißiger Jahre. Zwischen die "Wiener Wald"-Szenen werden Dialoge aus anderen Werken Horváths eingeschoben, gesprochen von zwei Billard-Spielern: politisierendes Geschwätz, das in der gespenstischen Genauigkeit, mit der sich in ihm kleinbürgerliche Desorientiertheit selbstgewiß abbildet, an ähnliche Dialoge von Karl Kraus erinnert.

Doch im Laufe des Abends schiebt sich darüber die szenische Phantasie des Regisseurs Klaus Michael Grüber und des Bühnenbildners Karl Ernst Herrmann. Die Zuschauer sitzen außen an den vier Seiten der Spielfläche in Logenabteilungen, sozusagen in Voyeur-Séparées, in den Pausen beleuchtet von befransten Lampenschirmen. Der Spielraum ist überreich, wie ein Environment bestückt. An den Schmalseiten liegen das zweistöckige Haus des Zauberkönigs (Eisengerüst, behängt und besetzt mit Tand und Trödel) und gegenüber die Wohnung von Alfreds Mutter und Großmutter in der Wachau: aus aufgeplatztem Sofa, riesigem roten Inlett, hervorquellendem Hausrat angesammelt, dahinter, unter einem meterhohen Plexiglas-Sturz, die Ruine in der Wachau. Die große Spielfläche in der Mitte ist uneben, es gibt trichterartige Vertiefungen und Schlupflöcher, durch die Auf- und Abtritte möglich sind.

Die scharf silhouettierten Kostüme lehnen sich an die Figurenwelt der Surrealisten Delvaux und Margritte an. Die Figuren massiv in schwarze Smokings und Gehröcke gefaßt, die Köpfe mit steifen Hüten gekrönt und mit hohen Kragen gestützt.

Teilnahme, nicht Denunziation