Von Ben Witter

Achtundfünfzig Jahre alt ist H. R., wohnhaft in Hamburg-Altona. Er hat mit Unterbrechungen von 1936 bis 1967 dreizehn Jahre gesessen. Er war auch im KZ und vor und nach dem Krieg in der heute so berüchtigten Strafvollzugsanstalt II in Hamburg-Fuhlsbüttel.

H. R. sagt: "Als ich 1936 in dem Bau war, der sich heute Strafvollzugsanstalt II nennt, war das noch Zuchthaus. Ich kam wegen mehrerer Einbrüche rein. Und essen konnte man da. Die Erbsensuppe und das Gulasch schmeckten wie bei meiner Mutter... 1950 ging ich dann wieder in diesen Bau. Die Erbsensuppe hab’ ich ausgespuckt, und im Gulasch waren – auch Schwarten

Ich bin immer ein ‚Steher‘ gewesen, das heißt, einen Kumpel hochgehen lassen, das gab’s nicht. Aufsichtsbeamte stehen auf ‚Steher‘, auf die können sie sich nämlich verlassen, beim Schieben zum Beispiel in den Arbeitsbetrieben.

Wir stellten damals Fußbälle her und Leder-Pantoffeln, und einige Beamte rissen sich durch meine Vermittlung fehlerhafte Stücke unter den Nagel... Ich hatte immer reichlich ‚Koffer‘, Zigarettenpäckchen, meine ich, und dafür hätte ich andere für mich arbeiten lassen können. Aber nirgendwo ist der Neid schlimmer als im Knast, und ich wollte nichts, aber auch gar nichts in meine Akten kommen lassen ...

Je besser es einem im Knast geht, desto grantiger wird man, ja, man vergißt plötzlich, wo man ist, und man macht Protest... Früher wurden Spitzel von der Anstaltsleitung ausgesucht und gefördert. Heute bieten sie sich von selbst an ... Wenn früher Fleisch in die Gefrierräume gebracht wurde, schnitt der Beamtenkoch erst mal die besseren Stücke heraus, und die Beamten trugen sie dann in ihren Aktentaschen nach Haus. Früher waren die Aufsichtsbeamten auch nicht so faul wie heute und hatten weniger Angst vor den Gefangenen ...

‚Knastschwul‘ ist im Durchschnitt fast die Hälfte aller Gefangenen. Ist das vielleicht neu? Und wenn es jetzt mehr Umschlüsse geben wird, an Wochenenden und so, sitzen dann zwei oder drei in einer Zelle und spielen Karten oder Schach, da frage ich mich: Was spielen sie da? Da spielen sie auch so allerhand unterm Tisch oder auf dem Tisch oder auf der Pritsche ...