Von Peter Kurz, 16 Jahre

Wen habt ihr in Latein? – Den F.? – Den hatten wir letztes Jahr auch, da müßt ihr nur Gute und Schlechte nebeneinandersetzen." Was uns ein Freund am Anfang des zweiten Schul-Halbjahres sagte, kapierten wir alle. Wir setzten uns um und schlossen "Freundschaften". Abschreiben sollte kein Problem mehr sein.

Unser Lateinlehrer "kennt seine Pappenheimer" und läßt den Großteil der Klasse im Unterricht in Ruhe. Hätte er es auch nur ein klein wenig darauf angelegt, die Latein-Sechsen würden nur so rasseln. Aber "der Dicke" hat ein sanftes Gemüt, und als er die letzte Klassenarbeit vor den Zeugnissen zurückgibt, sagt er: "Es ist schon tieftraurig, meine Herrschaften, wenn man sieht, wie sehr hier gespickt wird. Ich habe die Hefte wieder der Reihe nach korrigiert, und ich muß schon sagen, es sind sehr oft wortwörtlich die gleichen Arbeiten. Aber ich will ja gar nichts gesagt haben, wir haben früher ja auch gespickt. Aber eigentlich müßte ich den Betreffenden einen Sechser geben...", so erzählt er eine ganze Weile, bis er sich dabei ertappt, Rechtfertigungen für sein Handeln zu geben. An uns redet er sowieso vorbei. Latein ist gelaufen, schlechter als 4 wird im Zeugnis niemand haben. Doch wie wird’s in Englisch?

Die erste Arbeit ging eigentlich. Es war ein recht einfaches Diktat, Schnitt 3,2. Aber die Grammatikarbeit hatte eingeschlagen: Ab 18 Fehlern gab’s eine Sechs, und es hagelte Sechsen. Kommentar des Lehrers: "Ob die Arbeit soundso vielen das Genick bricht oder nicht, interessiert mich nicht. Wer diese Arbeit noch nicht einmal schafft, was will der denn dann in der Oberstufe machen?"

Die letzte von drei Klassenarbeiten in Englisch, die wir jetzt zurückbekommen werden, war eine Grammatikübersetzung, und Jochen braucht unbedingt eine Drei, Annette muß eine Vier haben, Charly würde zu einem weiteren Hauptfach-Vierer, zu einem weiteren Stück Versetzung, eine Fünf genügen.

Die erwartete Katastrophe ist eingetreten: Jochen redet etwas von Waterloo, als er sein Heft wegsteckt; Brigitte hockt in ihrer Bank und flennt. Sie ist klebengeblieben. Wegen eines halben Fehlers! Sie hatte in der Grammatikarbeit 18 Fehler. Mit 17,5 Fehlern wäre es eine Fünf gewesen, ab 18 Fehlern gab’s eine Sechs. Brigitte bekam die Sechs. Das drückte den Schnitt um drei Zehntel. Das heißt, nach dieser Arbeit steht sie nicht 4,5, sondern 4,8. Mit 4,5, mit 17,5 Fehlern in dieser verrückten Grammatikarbeit, hätte sie eine Vier in Englisch bekommen.

Noch eine Woche bis zur Notenkonferenz, die Auswüchse werden schlimmer, das Versetzungskarussell dreht sich immer schneller. Unser Mathe-Lehrer sagt: "Es ist immer wieder erschütternd, wenn man am Jahresende sieht, wie wenige durchfallen." Als er das sagt, steht Jochen an der Tafel. Es geht um Sein oder Nichtsein. Um Vier oder Fünf. Jochen holt sich die Fünf. Er macht so ziemlich alles falsch. Er setzt sich und sagt, er sei total bematscht, und Joachim meint, wenn er am Sonntag den Trip nicht eingeschmissen hätte... Jochen ist dann aufgestanden und gegangen. Einfach aufgestanden und gegangen!