DIE ZEIT

Flucht nach vorn?

Wenn die Christlichen Demokraten ihre Kritik an den Sozialdemokraten ideologisch zu begründen versuchen, drängt sich ihnen allemal der Begriff "Sozialismus" auf.

Sadats Signale

Plötzlich ist alles anders in Nahost. Auf einmal ist Amerika für Ägypten nicht mehr der "Hauptfeind"; eher schon ist dies, nach den anhaltenden Attacken der Kairoer Presse zu urteilen, die Sowjetunion.

Spiele statt Kriege

Es charakterisiert den Zustand der Welt, in der wir uns befinden, daß dem, der einen solchen Satz schreibt, nicht ganz wohl dabei ist.

Schillers Fall

Auch nach dem Gespräch mit Willy Brandt und der vorläufigen Klärung seines Verhältnisses zur SPD verwirrt Karl Schiller die Gemüter.

Olympischer Poker

Der scheidende IOC-Präsident Avery Brundage hatte den Mund zu voll genommen. Man könne über alles reden, so tönte er noch am vorigen Wochenende, nur nicht über den Ausschluß Rhodesiens von den XX.

Zeitspiegel

Großbritanniens 100 000 Mitglieder umfassender Polizeiverband plant eine Reform der Dienstordnung. Die Beamten wollen ihre Oberstunden künftig nicht mehr wie bisher ausschließlich in Freizeit, sondern wahlweise auch in klingender Münze vergolten haben.

Konvent der Republikaner: Nixons Parteitag des Sieges

Die Kapelle ließ einen Tusch nach dem anderen aufdröhnen, ein Wald von Sternenbannern wogte zwischen den Reihen der Delegationen, die Nationalhymne klang an den drei Tagen in der großen Sitzungshalle gleich fünfmal auf – kurzum, es war ein Parteitag alten Stils und farbenfrohen Gepränges, den die Republikanische Partei sechs Wochen nach dem etwas desorganisierten Konvent der Demokraten in Miami Beach an derselben Stelle abhielt.

Souveränitätsverzicht im Comecon: Warnung aus Moskau

Die Europäische Wirtschaftsgemeinschaft wird in der sowjetischen Publizistik als ein Instrument der Nato dargestellt, das kalten Kriegern dazu dient, die politische Spaltung Europas auch noch durch eine wirtschaftliche Kluft zu vertiefen – als ein Aggressionsinstrument des Westens gegen die friedliebenden sozialistischen Staaten Osteuropas.

Wolfgang Ebert: Falsch verbunden!

Schiller: Soll das heißen...? Burz: Das soll nur heißen, daß Sie sich keine falschen Hoffnungen machen sollen. Wir sind hier ein richtiges kleines Team – ob daß das Richtige für Sie wäre? Außerdem haben Sie ja im Bankfach gar keine praktische Erfahrung.

Zum 4. Jahrestag der Invasion: Protest gegen Prag

Zum 4. Jahrestag der CSSR-Besetzung wurden in Ost und West zahlreiche Aufrufe veröffentlicht. Manche Unterzeichner, wie jene 37 Intellektuellen aus der Sowjetunion, nahmen damit große Risiken auf sich.

"Quick"-Affäre: Kronzeugen im Zwielicht

Schon zwei Wochen nach der Durchsuchung der "Quick"-Büros zeigen sich selbst jene Blätter zurückhaltender, die offen oder insgeheim auf einen Skandal zum Schaden der sozial-liberalen Regierung hofften.

Kontroverse um den Papen-Putsch: Als Preußen ohne Schwertstreich fiel

Die These von Jürgen Bay (ZEIT Nr. 29/72): die amtsmüden preußischen Minister unter Otto Braun hätten sich am 20. Juli 1932 von Reichskanzler von Papen ohne Widerstand aus dem Amt jagen lassen, weil ihnen ihre Amtsenthebung gar nicht so unwillkommen gewesen sei, ist auf Widerspruch gestoßen.

Lokalzeit: Streit um Adenauer-Siedlung

Das war bei der Grundsteinlegung im Bundestagswahlkampf 1965. Und heute weiß jedermann in Köln, was und wo die "Konrad-Adenauer-Siedlung" mit ihren 10 000 Seelen ist.

Sozialistisches Büro: Zentrum für die Linke

Vor der Opernhaus-Ruine im Frankfurter Stadtzentrum riefen die Ziehväter der "Neuen Linken", Herbert Marcuse und Wolfgang Abendroth, die "Neue Linke" eindringlich zur Einigkeit auf.

Weiter Streit um ‚,Quick"

Die Affäre um die Durchsuchung des Bauer-Verlages und der Quick-Redaktionsräume schlägt immer noch Wellen, obwohl der Hauptvorwurf, die Regierung habe Einfluß auf das Verfahren genommen, inzwischen nicht mehr erhoben wird.

Olympische Spiele: Ohne Rhodesien

Rhodesien wird nicht an den Olympischen Spielen 1972 teilnehmen. Vier Tage vor der Eröffnung beschloß das Internationale Olympische Komitee am Dienstag mit 36 gegen 31 Stimmen, die Einladung rückgängig zu machen.

Putschversuch in Marokko

Zum zweitenmal innerhalb von 14 Monaten hat König Hassan II. von Marokko am Mittwoch voriger Woche einen Mordanschlag überlebt.

Kurden melden Kämpfe

Der Frieden im "wilden Kurdistan", geschlossen am 11. März 1970, ist nur von kurzer Dauer gewesen. Mitte voriger Woche meldete ein Beauftragter der Kurdischen Demokratischen Partei (KDP) des fast schon legendären Mustafa Barsani, die irakische Armee habe 13 kurdische Dörfer zerstört, ihre Offensive aber nach blutigen Verlusten vorläufig eingestellt.

Dokumente der ZEIT

"Gerade vor dem Hintergrund des eben Gesagten sei nun noch einmal festgestellt: Demokratischer Sozialismus ist kein Dogma und keine Heilslehre.

Grundvertrag im Herbst?

Die Staatssekretäre Bahr und Kohl sind bei ihrer Verhandlungsrunde über einen Grundvertrag einen "kleinen Schritt" weitergekommen.

USA: Favorit Nixon

Nach den amerikanischen Demokraten sind zu Beginn der Woche auch die 1346 Delegierten der Republikanischen Partei in Miami zusammengekommen, um den unangefochtenen Favoriten Richard Nixon abermals zum Präsidentschaftskandidaten zu wählen.

Aktuelle Krisenherde

Nach der Ausweisung der sowjetischen Militärberater aus Ägypten – zur Zeit sollen nur noch knapp 300 im Lande sein – sind auch die politischen Fronten in Bewegung geraten.

Kulturgewitter

München leuchtet – wieder einmal. Einen olympischen Sommer lang leistet sich die Stadt der Spiele ein veritables Weltstadtprogramm – musikalische und theatralische Drei-Sterne-Attraktionen, aus aller Herren Ländern importiert, wurden (und werden) dem Jahrhundertereignis zu Ehren aufgeboten.

Mafia made in Hollywood

Marlon Brando wollte diese Rolle um jeden Preis haben. Als er hörte, Mario Puzos Bestseller "Der Pate" werde verfilmt, lud er den Regisseur und den Produzenten zu sich ein und empfing sie in der Maske der Hauptrolle, des Don Corleone – sie erkannten ihn nicht.

Zur Eröffnung der XX. Olympischen Spiele: Entwicklungshilfe andersherum

Der Anfang war eher im Stile Karl Valentins als im Geiste Olympias gehalten: Als der bayerische Ministerpräsident die Ausstellung "Weltkulturen und moderne Kunst" feierlich eröffnen wollte, gab es noch fast so viele leere Wände wie mit Kunst behängte, waren ganze Sektionen noch geschlossen, herrschte ein solches Chaos, daß einerseits ein verstörter Leihgeber sein eigenes Bild entwendete und damit ungehindert entfliehen konnte, und andererseits die Veranstalter nicht bemerkten, daß es ein tachistisches Gemälde zu viel gab, welches kunstfreudige Arbeiter im Schnellverfahren produziert und aufgehängt hatten.

Argumente für und gegen: Olympische Spiele

In deutschen intellektuellen Kreisen, von denen mich zu distanzieren ich im allgemeinen keinen Anlaß sehe, sind die Olympischen Spiele, obwohl oder gerade weil sie jetzt in Deutschland stattfinden, nicht "in".

Orient – Okzident: Eintopf in Straßburg

Man nehme zu etwa gleichen Teilen Miniaturen, Kalligraphien, Teppiche, Stoffe, Wandfliesen, Schalen und Krüge – wobei man zwecks feinerer Geschmacksbildung auf eine ausgewogene persisch-türkische Mischung achte (kleinere Beigaben tunesischer oder marokkanischer Provenienz können nicht schaden), schmecke das Ganze mit ägyptischen Holzschnitzereien ab und lasse es bei mäßigem Feuer längere Zeit kochen.

Zeitmosaik

Den psychischen Einstellungen, die uns der Kulturprozeß aufnötigt, widerspricht der Krieg in der grellsten Weise, darum müssen wir uns gegen ihn empören, wir vertragen ihn einfach nicht mehr, es ist nicht bloß eine intellektuelle und affektive Ablehnung, es ist bei uns Pazifisten eine konstitutionelle Intoleranz.

Die neue Schallplatte

Wo Georg Solti in seiner Chicagoer Neuaufnahme auch noch die apokalyptischen Hammerschläge der Sechsten artifizielle Musik sein läßt, da stellt Barbirolli sich ihrer bodenlosen Tristesse.

Filmtips

"Frühling einen Sommer lang", von Robert Mulligan, wurde fast ein Jahr lang unter dem Original-Titel "Sommer 42" gründlich verschwiegen oder mit falschen Werbe-Slogans an denkbar ungeeignete Theater vermietet.

Kunstkalender

Dieter Krieg hätte der documenta gut angestanden, soweit sie über bestimmte Realismus-Aspekte informieren will. In den Bilderserien der letzten Jahre handhabt er mit zunehmender Perfektion die Technik des trompe-l’ceil.

Lichtblick in der Emanzipationsliteratur: Männlich, weiblich oder uni

Inzwischen pfeifen es die Spatzen von den Dächern: Die Frau will mehr, Großartigeres. Die extremste Forderung enthält Valerie Solanas’ 1968 in Amerika veröffentlichtes "Manifest der Gesellschaft zur Vernichtung der Manner"; es verlangte mehr, als Baudelaire recht gewesen und allgemein rechtens sein könnte: "Der Mann ist eine biologische Katastrophe und nur noch seine Ausrottung ist vertretbar.

Kritik in Kürze

"Lokaltermin Feenteich", Roman, von Geno Hartlaub. Die östlichen Buchten von Hamburgs Außenalster scheinen mit ihrem Nebel und ihren Villen die ideale Kulisse für das Thema Melancholie und Macht der Väter zu sein.

Schatten über der Olympiade

Feierliche Eröffnung der 73. Session des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) im Münchner Nationaltheater. Händels Halleluja hallt durch den Raum.

Theater: Groteskes Zappeln

Die fast vierstündige Aufführung von Horváths "Geschichten aus dem Wiener Wald" an der Schaubühne am Halleschen Ufer in Berlin wird den Zorn der Horväth-Philologen erregen; sie irritierte einen großen Teil des Premieren-Publikums.

Ein großer Fehler

Der neue Held ist ein bißchen Cassius Clay: durchtrainierter Modellathlet mit V-KÖrperform, und ein bißchen Marlon Brando in seiner Sturm-und-Drang-Periode: buschige Augenbrauen, leicht verschleierter Blick, energischer Mund, ein Gesicht, das im Zorn eher brutal als nur entschlossen wirkt.

Münchner Olympia-Kalender

Haus der Kunst, Klangzentrum (Telefon 22 24 87): 16.30 bis 2.30 Uhr, Groupe de Recherches Musicales O.R.T.F., Paris: "Musik mit und ohne Lautsprecher" (Fortsetzung, zu gleichen Zeiten, am 26.

Fernsehen: Geschnetzeltes

Es sei damals alle? so sauber gewesen im Dritten Reich, sagt Heinz Maria Ledig-Rowohlt, man habe auch keine Freundin mehr haben dürfen, sondern gleich heiraten müssen.

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