Von Wolfram Siebeck

Von einer höheren Warte hat man eine bessere Übersicht, das ist klar. Deshalb wird man dem heimkehrenden Urlauber Barzel glauben müssen, wenn er bei der Landung in Deutschland feststellte: "Dieses Land ist nicht in Ordnung!"

So eine Flugzeugtreppe hat nämlich eine beachtliche Höhe, und wenn einer oben aus der Luke kommt und stehenbleibt und sich prüfend umsieht, dann kann er das, was er sieht, nicht besser bezeichnen, als Barzel es getan hat. Von da oben sieht man nämlich deutlich, wie die Leute sich drängeln. Ob sie rein oder raus wollen, gedrängelt wird immer. Und Gedränge, das weiß jeder, bedeutet Unordnung.

Die bemerkt man aber nicht nur von oben. Auch später, beim Zoll, wird man geradezu mit der Nase drauf gestoßen. Da reiht sich unser Fluggast aus Portugal ordentlich ein, ganz so, als hätte er seinen Urlaub nicht 12 Stunden und 43 Minuten früher abgebrochen, um das Land vor dem Schlimmsten zu bewahren (nein, nicht Portugal ist hier gemeint, sondern die Bundesrepublik), und der Zollbeamte kontrolliert gerade den Mann, der vor ihm dran ist, da fällt sein Blick auf den geöffneten Koffer dieses Kerls. "Dieser Koffer ist nicht in Ordnung!" entfährt es ihm spontan, und recht hat er! Er steht neben dem schlampigsten Kofferpacker, der je am Zoll die Schlösser aufschnappen ließ. Name und Parteizugehörigkeit spielen dabei keine Rolle; aber man kann sich natürlich denken, wie so einer wählt!

Ich kenne ihn; einmal kam ich mit ihm im Auto aus Paris. Als der Zöllner an der Grenze die Pässe verlangte, stellte sich heraus, daß mein Mitfahrer seine Papiere im Koffer verwahrte. Dieser aber war auch damals nicht in Ordnung, und mein Bekannter wühlte 25 Minuten darin herum, bis er feststellte, daß er seinen Paß ausnahmsweise in der Jacke hatte. Nun stelle man sich vor, ich hätte meinen Urlaub abgebrochen, um dieses Land vor dem Schlimmsten zu bewahren. Durch die Unordnung meines Bekannten wäre ich 25 Minuten zu spät gekommen!

Deshalb wird man mir zustimmen: Unordnung im Koffer ist fast so schlimm wie kaputte Münzfernsprecher auf Flughäfen. Wenn da einer eine Telephonzelle sucht, weil er vielleicht bei dpa anrufen und denen sagen will, was er so für einen Eindruck hat von diesem Land, in dem er gerade gelandet ist, um es vor dem Schlimmsten zu bewahren, und dann gibt das Ding keinen Tut von sich – da wird man sich nicht wundern dürfen, wenn er eine Feststellung trifft wie: "Dieser Apparat ist nicht in Ordnung!"

Leider kommt in diesem Moment ausgerechnet der schlampige Linkswähler mit seinem unordentlichen Koffer vorbei: und sieht den Fluggast aus Portugal, der es am Zoll so eilig hatte, ihn wegen seines Koffers anmeckerte und schließlich nervös von einer Telephonzelle zur anderen gerannt ist. Da blickt er ihm nach und denkt: "Dieser Barzel ist wohl nicht ganz in Ordnung!"

Doch dann erinnern sich beide daran, daß sie in München gelandet sind. Und so gehen sie gemeinsam zum Taxistand und lassen sich dorthin fahren, wo das Land zur Zeit am schlimmsten ist, zum Olympiagelände. Und was tun sie dort? Sie drängeln. Was für ein Land, dieses Land!