Boom beim Export: Aber unsere Ausfuhr reicht gerade, um genug Devisen zu verdienen

Wir haben uns inzwischen daran gewöhnt, daß das Jahr 1972 konjunkturell günstiger verläuft, als die meisten erwartet hatten. Erstaunlich aber bleiben einige Ergebnisse – so zum Beispiel die Entwicklung des Exports. Es ist nicht ausgeschlossen, daß die Bundesrepublik in diesem Jahr beim Außenhandelsüberschuß einen neuen Rekord erzielt (die bisherige "Bestleistung" waren 18,4 Milliarden Mark im Jahr 1968).

Die deutsche Exportwirtschaft ist mit den Belastungen, die sich durch die Neufestsetzung der Wechselkurse im vergangenen Dezember ergeben haben, fertig geworden. Freilich muß man hinzufügen, daß mancher, Auslandsauftrag ohne Gewinn oder gar mit Verlust ausgeführt wird – weil die Unternehmen einen mühsam erschlossenen Markt nicht verlieren wollen. Immerhin: In den ersten sechs Monaten wurden Güter im Wert von fast 72 Milliarden Mark exportiert, rund fünf Milliarden Mark mehr als in der gleichen Zeit des Vorjahres.

Der Exportüberschuß hat in der ersten Jahreshälfte 8,4 Milliarden Mark erreicht und war damit um rund ein Viertel höher als in den ersten sechs Monaten 1971. Dennoch sind alle Devisen, die wir im Außenhandel verdient haben, voll aufgebraucht worden. Die Zahlungsbilanz der Bundesrepublik (präziser gesagt, die "Bilanz der laufenden Kosten") schließt für die erste Jahreshälfte mit einem minimalen Minus von zwei Millionen Mark ab.

In anderen Worten: Unser Exportüberschuß ist in dieser Höhe notwendig. Die Auslandsreisen, die Überweisungen der Gastarbeiter in ihre Heimatländer, Zahlungen an internationale Organisationen, Patentgebühren, Entwicklungshilfe – dies alles und manches andere kostet Devisen. Schon im letzten Jahr war der Überschuß im Außenhandel kaum größer als die Zahlungen, die wir zu leisten hatten. Für 1972 ist auch bei einer Fortdauer des Exportbooms nicht mit nennenswerten Überschüssen in der Leistungsbilanz zu rechnen, zumal die Hauptreisezeit in die zweite Hälfte des Jahres fällt.

Für eine erneute Änderung des Wechselkurses der Mark, wie sie wohl mancher unserer ausländischen Konkurrenten gern sehen würde, gibt es also gegenwärtig keinen Anlaß. Helmut Schmidt hat denn auch bei seiner Amtsübernahme sofort versprochen, die Parität der Mark nicht zu ändern. Dabei hätte es eigentlich einer solchen Versicherung gar nicht bedurft – von "Aufwertung" oder gar "Floating" wird in der Bundesrepublik seit Monaten nicht mehr gesprochen, die "außenwirtschaftliche Absicherung" ist als Waffe gegen die Inflation aus der Mode gekommen.

Natürlich sind die Nationalökonomen, die mit guten Argumenten 1968 und in den Jahren danach für Aufwertung und Floating plädiert haben, immer noch von der Richtigkeit ihrer Theorien überzeugt. Aber die praktischen Erfahrungen in den letzten drei Jahren haben eben doch deutlich gemacht, daß Wechselkursänderungen die Stabilität nicht zurückbringen. So erklärt sich, daß es 1969 bei Inflationsraten von unter drei Prozent einen mit großer Leidenschaft geführten Streit um die Aufwertung gab – während diesmal trotz der inzwischen doppelt so hohen Geldentwertungsrate "außenwirtschaftliche Absicherung" im Wahlkampf gewiß keine Rolle spielen wird. Diether Stolze