"Lokaltermin Feenteich", Roman, von Geno Hartlaub. Die östlichen Buchten von Hamburgs Außenalster scheinen mit ihrem Nebel und ihren Villen die ideale Kulisse für das Thema Melancholie und Macht der Väter zu sein. Joachim Maass siedelte seine Romane aus den Jahren vor dem Ersten Weltkrieg am Schwanenwik an, Geno Hartlaub ihre Geschichte aus der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg am Feenteich. Hartlaub verhält sich jedoch anders zu Traditionen: Sie verwirft das disziplinierte Sich-Schicken in Vorgegebenes. Ihre Helden, fast noch Schulkinder, suchen die Wahrheit über den Vater, dessen Mord dem Sohn zur Last gelegt worden ist. Und diese Wahrheit ist des Vaters Verrat vor langer Zeit. Er, der heute erfolgreiche Klinikchef, hat als Arzt im KZ begonnen und Kälte-Experimente mit Häftlingen durchgeführt. Seine Kumpanen und Komplicen von einst, im gegenseitigen Mißtrauen und Neid durch die Jahre an ihn gekettet, haben seinen Tod verschuldet, der für seine Kinder ein makabrer Akt der Befreiung ist. Sie verlassen das Haus, in dem sie mit dem Anti-Bild eines Vaters hatten leben müssen, sie zünden es an, lassen ihre Vergangenheit verbrennen und gehen fort. Geno Hartlaub hat mit dem ersten Satz jene lähmende Atmosphäre zwischen Gleichgültigkeit und Rebellion getroffen, die den Helden dieser unterkühlten Tragödie erlaubt, die Zeit bis zum Anfang von etwas ganz anderem zu überstehen. Von was, das bleibt so beklemmend offen, wie man Fragen dieser Art offen lassen muß, wenn man Literatur nicht als Lebenshilfe versteht. (R. Piper & Co. Verlag, München; 241 S., 22,– DM.)

Sybil Gräfin Schönfeldt

"Manche, sagt man, sind verdammt", Roman von James Plunkett. Dock- und Transportarbeiter, Dienstboten, Tagelöhner, Bettler, hungernde Mütter und Kinder im Dublin der Jahre 1907 bis 1914: das sind die Verdammten dieses Romans. Plunketts Epos vom Leben der besitzenden und vom Darben der ausgebeuteten Klasse darf gewiß Respekt beanspruchen, aber Respekt mehr vor dem Sujet als vor der erzählerischen Konzeption. Erbarmungslos ausschweifend, Detail für Detail immer wieder variierend, führt der Verfasser den Leser besorgt an der Hand, damit ihm ja keine seiner Überlegungen entgehe. Das Buch scheint aus der Epoche zu stammen, die es behandelt. Das ist das Resultat, wenn man literarische Maßstäbe anlegt. Zeitgeschichtlich betrachtet, endet der Roman dort, wo sich das städtische Proletariat erstmals in den anglo-irischen Dauerkonflikt einzugliedern beginnt. Der 1920 in Dublin geborene Autor war nach dem Krieg Gewerkschaftssekretär. Eine authentische Figur seines Romans ist Jim Larkin, der die junge irische Gewerkschaftsbewegung mit taktischem Geschick in das politische Geschehen integrierte. Er weckte das Solidaritätsbewußtsein des Proletariats und organisierte unablässig Protestmärsche und Streiks. Plunkett präsentiert ihn als charismatische Gestalt. Möglicherweise orientierte er sich dabei an Sean O’Casey, der Jim Larkin das Kapitel "Der irische Prometheus" im dritten Band ("Irische Trommeln") seiner Autobiographie widmete. Der Dubliner Generalstreik von 1913, erster Höhepunkt der eskalierenden Unruhen, geistert noch durch die Schlußkapitel von Plunketts Roman; doch dem Leser geht die historische Bedeutung des Ereignisses nicht auf. Es ist ausgesprochen ärgerlich, wie Plunkett die dokumentarische Komponente zugunsten Dutzender "ergreifender Schicksale" (Klappentext) vernachlässigt. Aber der heutige historisch-politisch interessierte Leser wird mit dem hier geschilderten Zeitabschnitt ohnehin wenig anzufangen wissen. Denn erst die folgenden Phasen des irischen Unabhängigkeitskampfes führen ihn an die Wurzeln der gegenwärtigen Probleme heran: das Desaster des "Easter Rising" von 1916, die Teilung Irlands 1921 und deren spätere Sanktionierung durch Eamon de Valera. Nachzulesen bei Sean O’Casey, dessen Sarkasmus der irischen Wahrheit wesentlich näher kommt (ohne das soziale Elend in leugnen) als Plunketts Breitwandroman. (Aus dem Englischen von Annemarie Böll; Rowohlt Verlag, Reinbek; 472 S., 26,– DM.)

Egbert Hoehl