Die Staus auf den Autobahnen beginnen sich aufzulösen: Denn die meisten Bundesbürger sind aus den Sommerferien wieder heimgekehrt

Jetzt, da die meisten von uns aus den Ferien wieder daheim angekommen sind und drei Wochen Italien abgehakt haben, erinnern wir uns schon gar nicht mehr all der Katastrophenmeldungen, die uns, regelmäßig wie Höfers Schoppenrunde, an den vergangenen Wochenenden vorgesetzt wurden. Da zeigte die Tagesschau ineinander verkeilte Autos und blutige Leichen, der Rundfunk übertrug das Heulen der Polizei- und Krankenwagensirenen, und die Montagszeitungen summierten dann die Zahlen: 119 Tote an diesem Wochenende, 87 an jenem.

Wie gesagt: Wir haben’s fast vergessen. Denn was soll’s! Uns hat’s nicht erwischt. Uns saß doch der Hintermann nicht im Kofferraum. Aber auch, wenn wir noch einmal davongekommen sind – ein Blick zurück schadet nicht; denn wie heißt es doch so schön: Aus Fehlern lernen ...

War es in den vergangenen Jahren sommers auch schon schwer voranzukommen, so waren in diesem Jahr die großen Reiserouten – oft total verstopft. "Dieses Wochenende wird das Chaos schlimmer denn je", warnte Mitte Juli der ADAC das Fernfahrervolk und beschwor die Bürger: Meidet die Straßen! Vor Ratekau ab! Bei Seesen runter von der Autobahn!

Neben den professionellen Verkehrserziehern meldeten sich auch die Pfarrer zu Wort. Sie predigten wider den Kriegszustand auf den Straßen und wider das Prestigedenken auf der Autobahn. Doch das alles war in den Wind gepredigt und gesprochen. Autoschlangen wälzten sich auf die Autobahn und blieben dort stehen. Sie zwängten sich auf den Mittleren Ring in München und kamen nicht weiter. Kilometerlange Blechschlangen zogen sich durch die Bundesrepublik. Vor den Tankstellen an den Autobahnen warteten Kolonnen, in den Raststätten standen Menschenschlangen vor der Tür mit dem großen H oder D. Doch mochte da kommen was wollte, die Autofahrer verweigerten allen Umleitungsbefehlen den Gehorsam. Und wenn man sie fragte, warum sie sich denn nicht unbelebte Straßen suchten, so antworteten die Bayern im Norden oder die Schleswiger im Süden: Wir kennen uns hier nicht so aus.

Also: Gegen Autofahrer kämpfen Götter selbst vergebens? Dieter Göbel, Chefredakteur des Südwestfunks, nahm nach einem Wochenende, an dem sich die Tatarenmeldungen wieder einmal gehäuft hatten – völliges Verkehrschaos zwischen Garmisch und Scharbeutz, über 100 Tote – die Autofahrer in Schutz. Erstens, müßten die Menschen mit jedem Tag ihres knapp bemessenen Urlaubs rechnen, es sei ihnen also nicht zu verdenken, wenn sie sich bereits am Freitag und nicht erst am Montag in ihr Auto setzten. Zum anderen: An welchem Wochenende sollen denn nun die Autofahrer starten? Hielten sich alle an die mahnenden Worte der Verkehrserzieher, blieben die Autobahnen womöglich ganz leer. Denn wer soll fahren: ich oder mein Nachbar? Und dann: Die Zahl der Verkehrstoten ist an den Ferienwochenenden nicht höher als die Zahl der Toten Tag für Tag. "Wir hatten letztes Jahr fast neunzehntausend Verkehrstote, das sind 50 Tote pro Tag", sagte Dieter Göbel. Damit er nicht mißverstanden wird: Er verkennt das tödliche Desaster auf unseren Straßen nicht, er findet’s nur heuchlerisch, wenn wir lediglich an bestimmten Wochenenden uns das Gruseln lehren lassen.

Und damit hat er recht: Wäre es wirklich so, daß das Leben unser höchstes Gut sei, so müßten unsere Verkehrsregeln radikal anders aussehen. Aber "die Wahrheit ist, wir schätzen das Auto, das uns bequem und lieb ist, fast ebensosehr wie unser Leben".