Zu unserem Olympiade-Kulturkalender (Seite 16)

München leuchtet – wieder einmal. Einen olympischen Sommer lang leistet sich die Stadt der Spiele ein veritables Weltstadtprogramm – musikalische und theatralische Drei-Sterne-Attraktionen, aus aller Herren Ländern importiert, wurden (und werden) dem Jahrhundertereignis zu Ehren aufgeboten.

Anfangs war das Dauerfestival noch einigermaßen zu verkraften, nur hin und wieder kam ein internationaler Windstoß. Seit einigen Wochen jedoch kündigt rasch aufeinanderfolgendes Wetterleuchten an, daß sich während der Zeit der Spiele über der weiß-blauen Metropole ein Kulturgewitter entladen wird.

Einheimische (soweit interessiert) wie Gäste (falls überhaupt interessiert) werden dann einem unvermittelten Sturzregen von Kunstgenüssen hilflos ausgeliefert sein. Schon allein die Lektüre des Programms einzelner Tage wirkt entmutigend. Wofür soll man sich entscheiden für die Mailänder "Aida", den Münchner "Urfaust" oder das Ostberliner "Dickicht der Städte"?

Niemand kann sich zwei-, vier- oder gar sechsteilen. Hin- und hergerissen, wird aus dem Teilnahmewilligen ein moderner Tantalus. Wie die Dinge liegen, kann man dreierlei tun.

Erstens: über dem Programmbuch meditieren, abwarten, auf plötzliche Erleuchtung hoffen; eine vermutlich wenig taugliche Methode – bis zum Eintreffen der Erleuchtung könnte die erwählte Vorstellung schon längst ausverkauft sein.

Zweitens: eine Nadel nehmen, die Augen schließen, das Programm aufschlagen und hineinstechen; ein gar nicht so übles Verfahren, nur: was macht der Schicksalsgläubige, wenn er ein Schleißheimer Schloßkonzert aufgespießt hat, mit Barockmusik, die er nicht mag?