Der Frieden im "wilden Kurdistan", geschlossen am 11. März 1970, ist nur von kurzer Dauer gewesen. Mitte voriger Woche meldete ein Beauftragter der Kurdischen Demokratischen Partei (KDP) des fast schon legendären Mustafa Barsani, die irakische Armee habe 13 kurdische Dörfer zerstört, ihre Offensive aber nach blutigen Verlusten vorläufig eingestellt. Die Bagdacer Baath-Regierung gab den Ausbruch neuer Kämpfe zu, versprach aber die Respektierung der "gerechten und legitimen" Rechte der (nichtarabischen) Minderheit – falls Barsani darauf verzichte, seine kurdische Armee wiederaufbauen.

Aber gerade dazu sind die Kurden nach den jüngsten Erfahrungen nicht bereit. Bagdad versucht, das Versprechen einer kurdischen Selbstverwaltung, die bis 1974 verwirklicht sein sollte, zu unterlaufen: durch Mord an prominenten Kurden, zwangsweise Ansiedlung arabischer Stämme in bisher rein, kurdischen Gebieten, Unterdrückung der (dem Persischen verwandten) Sprache, Deportation kurdischer Lehrer, Aufteilung von Verwaltungsbezirken, die somit bis zur versprodienen, aber hinausgezögerten Volkszählung eine arabische Mehrheit aufweisen sollen. Nicht minder repressiv geht die syrische Schwesterpartei vor.

Obwohl die Kurden Kämpfe gewöhnt sind (seit 1920 haben sie sich sechsmal erhoben), ist ihre Lage diesmal: ungünstiger denn je. Die Sowjetunion, am Stützpunkt Irak interessiert, hat ihre Waffenhilfe eingestellt; auch Barsanis gute Kontakte zur Kremlführung haben daran nichts ändern können. Die Türkei hat einen Ring um die "Bergtürken" gezogen: Von dort kamen seit dem Frühjahr 1970 die Waffen für die türkischen Untergrundkämpfer. Einzig der Iran, mit dem Irak in einen Streit um die Hoheitsrechte im Schatt a) Arab verwickelt, scheint zu einer halbherzigen Unterstützung bereit, unterdrückt aber seine eigene Minderheit nicht weniger rigoros.

Moskaus Entscheidung entspannt aber auch das Verhältnis zu Ankara. Der türkische Industrieminister Erez hat in der Sowjetunion sechs langfristige Wirtschaftshilfeprojekte aushandeln können (Gesamtvolumen etwa 350 Millionen Dollar): Zur gleichen Zeit kauft die Türkei von den USA 40 Flugzeuge vom Typ Phantom.

Noch im Juni des Jahres hatte die türkische Regierung die Verlängerung des Kriegsrechtes in elf der 69 Landesprovinzen unter anderem mit der kurdischen Gefahr begründet – offiziell spricht Ankara freilich nur von "Bergtürken". Ende dieses Monats findet ein großes Revirement in der militärischen Führung statt, das bis jetzt wegen "dringenderer Aufgaben" aufgeschoben worden sein soll.

Differenzen werden freilich um die Beendigung der Notstandsmaßnahmen aufbrechen. Während das Militär den bisherigen harten Kurs beibehalten will, möchte Regierungschef Meiern die Militärjustiz abschaffen. Zu diesem Zweck hat er eine Gesetzesvorlage ausarbeiten lassen, die Sondergerichte für die Aburteilung politischer Straftaten schafft.