Von Wolf Donner

Marlon Brando wollte diese Rolle um jeden Preis haben. Als er hörte, Mario Puzos Bestseller "Der Pate" werde verfilmt, lud er den Regisseur und den Produzenten zu sich ein und empfing sie in der Maske der Hauptrolle, des Don Corleone – sie erkannten ihn nicht. Sie machten ein paar Probeaufnahmen auf Videotape und führten sie den Paramount-Direktoren vor; die waren begeistert, genau das sei der Typ, wer aber sei dieser Schauspieler?

Brando, Jahrgang 1924, war im Gespräch gewesen; Puzo, der auch die erste Drehbuchfassung schrieb, bekennt: "Ich hatte immer an Marlon Brando gedacht"; die Paramount aber wollte George C. Scott oder Carlo Ponti oder Laurence Olivier für die Rolle haben. Denn seit der "Meuterei auf der Bounty" (1960) war Brandos Image ramponiert, galt er als nicht mehr zugkräftig, war er als troublemaker gefürchtet, der Regisseuren und Kollegen hineinredete, wurde er immer verschlossener und pressefeindlicher, distanzierte er sich immer deutlicher vom konventionellen Filmbetrieb. Kaum jemand wußte, daß er gute Angebote zugunsten mittelmäßiger, aber politisch engagierter Projekte absagte, daß er an Filmen über die Ausrottung der amerikanischen Indianer und der brasilianischen Indios arbeitet, daß er ein riesiges Forschungszentrum für Nahrung aus dem Meer plant. Und daß ihn an der Rolle des "Paten" weniger der zwanzig Jahre ältere Mafia-Patriarch als das Modell eines modernen Politikers oder Industriemagnaten interessierte.

Er bekam die Rolle, für eine relativ kleine Gage und Erlösbeteiligung (die ihn inzwischen gleichwohl zum mehrfachen Millionär machten). Er arbeitete sogar eine Woche gratis, hielt das ganze Team zusammen, war beliebt und wurde verehrt und kann sich nun seines mit allem üblichen amerikanischen Pathos gefeierten Comebacks als der größte Schauspieler seines Landes erfreuen.

Für Vorausreklame war bei diesem Film bestens gesorgt. Von Puzos Roman wurden allein in den USA vierzehn Millionen Exemplare verkauft. Das Buch und Francis Ford Coppolas Film schildern kühl, detailliert und suggestiv am Beispiel einer Dynastie dieser "Schattenregierung" die Welt der Cosa Nostra, der amerikanischen Mafia: die gottähnliche ("Godfather", so der Originaltitel, heißt "Pate"), absolute Unterwerfung fördernde Stellung und unbeschränkte Macht des Familienoberhauptes, das zugleich als Bürgermeister, Priester, Friedensrichter, Arbeitsvermittler, Rächer und Konzerndirektor fungiert, als oberste Instanz der italo-amerikanischen Bevölkerung; den erbarmungslosen Kampf unter den fünf mächtigen New Yorker Mafia-Familien; die Rituale und Usancen, den traditionellen Sitten- und Ehrenkodex der Mafiosi; ihr gespenstisches Doppelleben zwischen einem friedlich-bürgerlichen, ethnisch verwurzelten Overground und einem streng organisierten kriminellen Underground.

Natürlich suchte die Mafia dieses milieugerechte Porträt wenigstens als Film zu verhindern. Es gab Proteste von höchsten Regierungsstellen, Drohbriefe an Coppola und Brando, Kündigungen eingeschüchterter Schauspieler, Demonstrationen vor dem Filmstudio mit Slogans, deren Anfangsbuchstaben das Team verängstigen sollten ("More Access for Italian Actors"), ein zur Warnung durchschossenes Auto, sogar eine monumentale "Wohltätigkeitsveranstaltung" im Madison Square Garden, aus deren Erlös das Filmprojekt zurückgekauft werden sollte, und am Ende die Einigung der Paramount mit dem Mafia-Boß Jo Colombo, dahingehend, daß das Wort "Mafia" im Dialog nicht fallen dürfe – woraufhin wieder Verträge gekündigt wurden, weil es nun hieß, die Mafia produziere mit und beginne Hollywood zu unterwandern.

Die Nähe des Films zur alltäglichen amerikanischen Realität ist in jedem Fall gewahrt. Die Methoden, das Projekt zu verhindern, kehren zum Beispiel im Film als übliche Praktiken der Mafia wieder. Jo Colombo wurde noch vor der Premiere des Films von einem bezahlten Killer zusammengeschossen und zeitlebens außer Gefecht gesetzt – wie Brando in der Rolle des Don Corleone. Die Dreharbeiten für eine Knallerei im New Yorker Viertel Little Italy mußten unterbrochen werden, weil sich wenige hundert Meter weiter gerade ein paar echte Mafiosi ein Gefecht lieferten. Der im Film geschilderte Kampf der fünf großen Familien ist realiter seit eineinhalb Jahren dermaßen eskaliert, daß Bürgermeister Lindsay jetzt eine neue Kampagne gegen das organisierte Verbrechen in New York angekündigt hat. Sieht man schließlich die Stab- und Besetzungsliste des Films oder liest man Interviews mit den Schauspielern, so zeigt sich, daß der Regisseur, der gebürtige Italiener F. F. Coppola, genausoviel National- und Familiensinn bewiesen hat wie die Figuren in seinem Film.