Von Joachim Schwelien

Miami Beach, im August

Die Kapelle ließ einen Tusch nach dem anderen aufdröhnen, ein Wald von Sternenbannern wogte zwischen den Reihen der Delegationen, die Nationalhymne klang an den drei Tagen in der großen Sitzungshalle gleich fünfmal auf – kurzum, es war ein Parteitag alten Stils und farbenfrohen Gepränges, den die Republikanische Partei sechs Wochen nach dem etwas desorganisierten Konvent der Demokraten in Miami Beach an derselben Stelle abhielt. Die Veranstaltung glich einem wohlorchestrierten und milde temperierten Schauspiel, für das Fernsehpublikum aus dem Hintergrund gelenkt von der Regie des Weißen Hauses, das die Darsteller – rund 1350 Delegierte und ebensoviel Ersatzdelegierte – im Chor vereinte. Ihr Refrain: Haltet und festigt die Macht, die vor vier Jahren so mühsam errungen wurde – zerschmettert den Gegner George McGovern – macht aus den Republikanern eine Partei, des Volkes mit breiter Basis und auf Dauer.

Von einer wahren Volkspartei, die dem untergründigen Zeitgeist entspräche, war noch wenig zu spüren: Mehr als zwei Drittel der Teilnehmer waren Abgeordnete, Senatoren oder Funktionäre, darunter immerhin dreißig Prozent Frauen (lammfromme rundliche Vorort-Muttertypen zumeist), und nur vier Prozent Farbige (gegen fünfzehn Prozent bei den Demokraten); der Vorsitzende der Jungrepublikaner, Don Sundquist, trug immerhin das Haar bis tief hinab in den Nacken, doch damit erschöpfte sich schon sein revolutionäres Pathos. Den Aufstand der neuen Generation mußten er und die Jungrepublikaner den zusammengeschmolzenen Scharen der "Veteranen gegen den Krieg", den Hippies und den mit ihnen sich vermengenden Jesus-People überlassen, die im nahe gelegenen Flamingo Park mit sanfter Duldung der Polizei ihre Zeltlager aufgeschlagen hatten und nur gelegentlich zu kraftlosen Protestdemonstrationen vor den Parteitagshotels erschienen.

Wie diese schneeweißen Hochburgen des Reichtums und des Fortschrittsglaubens präsentierte sich die Republikanische Partei als ein disziplinierter Mechanismus ohne Spontaneität; die leichten Regungen der Opposition vom ultrarechten und vom liberalen linken Parteiflügel waren schon Monate vorher abgestorben oder erstickt worden. Sogar ein so prominenter Republikaner wie Senator Jacob Javits steht als Repräsentant progressiven Republikanertums bereits auf der Abschußliste des Weißen Hauses; gegen ihn Abschußliste des Weißen Hauses.

Über dem Parteitagsgeschehen ragten wie zwei Säulen Richard Nixon und Spiro Agnew. Doch bis zu seiner Programmrede am Mittwochabend hielt sich der Präsident in staatsmännischer Pose dem Getriebe fern. Sein Presseamt gab wie zufällig vor dem Parteitag ein Photo frei, auf dem Richard Nixon, seinen irischen Setter King Timahoe an der Seite, zu sehen ist, wie er gedankenvoll beim Camp David seinen Blick über die Felder und Fluren schweifen läßt. Er will – und das hat er General de Gaulle abgesehen – ein Präsident der Nation werden und nicht allein ein Exponent des gehobenen weißen Mittelstandes sein, den seine Partei trotz mancher kosmetischer Verschönerung doch immer noch repräsentiert.

Für Richard Nixon war dies ein Parteitag des Sieges. Jedenfalls nahm er seinen Triumph über George McGovern vorweg, der in den Umfragen immer weiter zurückgefallen ist und von Glück sagen kann, wenn er überhaupt noch aufzuschließen vermag. Doch auch für Spiro Agnew, den Vizepräsidenten und erneuten Stallgefährten Nixons in diesem Wahlkampf, leuchteten die Sterne heller denn je. Der Parteitag sprach von ihm als dem aussichtsreichsten Nachfolger für das Präsidentenamt in vier Jahren. Seine Anhänger bemühten sich schon in Miami Beach, dieses noch ferne Geschehen vorzubereiten. Darum wehrte sich der rechte Parteiflügel erbittert gegen den Vorschlag der liberalen Republikaner, auf kommenden Parteitagen die Delegiertenzahlen zugunsten der progressiv gestimmten industriellen nördlichen Bundesstaaten zu erhöhen und den proportionalen Anteil der konservativen republikanischen Hochburgen im Westen und im Süden zu vermindern.