In deutschen intellektuellen Kreisen, von denen mich zu distanzieren ich im allgemeinen keinen Anlaß sehe, sind die Olympischen Spiele, obwohl oder gerade weil sie jetzt in Deutschland stattfinden, nicht "in". Bei jedem kontroversen Thema lassen sich mehrere Schichten von Argumenten isolieren. Beim Thema "Olympische Spiele" wird das besonders deutlich.

CONTRA:

1. Das für die Ausrichtung der Olympischen Spiele aufgewandte Geld, fast zwei Milliarden Mark, wäre sinnvoller für Krankenhäuser oder Schulen verwendet worden.

2. Die Herrschenden schieben, den Sport in den Vordergrund öffentlichen Interesses nur, um von drängenderen, aber schwerer zu lösenden oder von "systemverändernden" Fragen (sei es der demokratischen Mitbestimmung, sei es der Ungerechtigkeit gegenüber Entwicklungsländern) abzulenken. Kurz: Sport, das neue Opium des Volkes.

3. Sport ist gesund; Leistungssport ist gesundheitsschädlich.

4. Sport fördert die Gemeinschaft; Leistungssport fördert das Konkurrenzdenken.

5. Wenn das schlimme Leistungsdenken schon aus der Arbeitswelt nicht verbannt werden kann – warum es dann noch in die Freizeitwelt einführen?

6. Das Amateurstatut, an dem Avery Brundage, der Präsident des IOC, so hartnäckig festhält, ist impraktikabel, anachronistisch, lächerlich.

7. Sport als menschliche Bestätigungsmöglichkeit bleibt im Animalischen; die höheren, die geistigen Möglichkeiten des Menschen verkümmern dabei.

8. Sportliche Wettkämpfe geben vor, dem Frieden der Welt zu dienen; in Wirklichkeit fördern sie Aggressionen.

Damit nicht alles noch mehr durcheinandergeht als ohnehin schon in der öffentlichen Diskussion, sei diesmal streng kontrapunktisch Argument gegen Argument gesetzt.

PRO:

1. Der alte Trick, Erwünschtes und Unerwünschtes gegeneinander aufzurechnen wie die Aktiva und Passiva einer Bilanz, Kanonen gegen Butter, Sozialwohnungen gegen Starfighter, gewinnt nicht durch Variation. Wahr ist vielmehr: Der öffentliche Finanzaufwand für die Olympischen Spiele beträgt etwa 700 Millionen Mark (trotz gestiegener Kosten nicht mehr, als 1966 veranschlagt wurde – der Differenzbetrag wurde auf andere Weise, etwa durch die Olympia-Lotterie aufgebracht) und liegt damit unter dem bleibenden Wert der Investitionen – wovon in diesem Falle freilich vor allem die Stadt München profitiert. Die Bürgermeister, die sich danach drängen, Olympische Spiele auszurichten, sind keine Narren, sondern nüchtern kalkulierende Politiker.

2. Wenn Marxisten-Leninisten-Kommunisten-Sozialisten sagen, Sport sei doch nichts anderes als ein ungeheures Täuschungs- und Ablenkungsmanöver der Herrschenden, dann wird man fragen dürfen, warum dieser Sport nirgendwo sonst in der Welt so sehr gefördert wird wie in den beiden führenden sozialistischen Staaten, UdSSR und DDR.

3. Die Unterscheidung von "Freizeitsport", auch "Breitensport", auf der einen Seite und "Leistungssport" auf der anderen ist ein Kunstprodukt. Wie kann es denn gesund sein, 1,80 m hoch zu springen, aber noch höher zu springen wäre gesundheitsschädlich? Wo immer Leistungen gemessen werden, ist der Drang, besser zu sein als andere, ein notwendiges Ingredienz menschlichen Fortschritts.

4. Wie eng eine Gemeinschaft sich zusammenschließt, hängt immer von der Konkurrenzsituation ab. Dabei eine Grenze zwischen "Freizeitsport" und "Leistungssport" zu ziehen, ist nicht möglich. Opa im Trimm-dich-Lauf pflegt team spirit viel weniger als ein Leistungsfußballer unter elf.

5. Hier scheiden sich die Geister. Pro-Argumentierende gehen davon aus, daß es Menschen Spaß macht (in gehobener Sprache: daß es ihrer Selbstverwirklichung dient), etwas zu leisten, solange diese Leistung deutlich an ihre Person gebunden bleibt. Wenn dem so wäre, dann gälte das natürlich viel mehr noch für die freiwillig gewählte Sportdisziplin als für den unter Zwang des Broterwerbs ergriffenen Beruf.

6. Warum sollte jemand, der die Macht dazu hat, nicht wenigstens versuchen, die allenthalben beklagten Auswüchse des Leistungssports zu bekämpfen? Mag sein, daß es ein Kampf gegen Windmühlen ist. Aber wer Don Quijote nur lächerlich sieht, sieht ihn falsch.

7. Bei den meisten, die den Olympischen Spielen mit Ignoranz, Indolenz oder Ressentiments begegnen, läßt sich wohl feststellen, daß in Wirklichkeit gar nicht die Olympischen Spiele gemeint sind, sondern der Sport schlechthin gemeint ist. Und es ist ja wahr: Die geistige Komponente des Sports, jedes Sports, ist oft so unterentwickelt, daß es viel guten Willens bedarf, sie dennoch zu entdecken. Traurig ist dabei, daß gerade diejenigen, die sich so sehr und so aufrichtig um "Kontakt zu den Arbeitern" bemühen, den Sport als eine Brücke allzu gering schätzen.

8. So oft und so guten Willens die "Aggressionen" im Sport oder durch den Sport auch beklagt werden: wir wünschten, mit Bertrand Russell, Aggressionen tobten sich nie und nirgendwo schlimmer aus.

CONCLUSIO:

Nichts ist so sehr mein Argument wie dieses achte PRO-Argument. Keine Gesellschaft kann auf Leistung verzichten. Jede Leistung wird angefochten durch eine konkurrierende Leistung. In die Konkurrenz fließen Aggressionstriebe mit ein. Aber: Im Sport gibt es für jedermann verständliche Regeln, mit deren Hilfe Aggressionstriebe kanalisiert werden können. Ich kenne kein anderes Gebiet, wo konkurrierende Aggressionstriebe so wenig Leid (es gibt kaum Tote) und so viel Glück (der Siegreichen wie der Zuschauer und der sich Identifizierenden) zur Folge haben wie im Sport – auch im Hochleistungssport, der sich am Ende doch nicht abtrennen läßt von dem ganz allgemeinen Sport. Ich hätte mir den Rahmen der Olympischen Spiele etwas bescheidener und die Kartenzuteilung etwas weniger auf "Würdenträger" hin orientiert gewünscht – aber ich finde es im Grunde doch schön, mit meinen Freunden in den Hafenkneipen von St. Pauli jetzt ein verläßliches Gesprächsthema zu haben. Sie wissen so wenig (und sie wollen so wenig wissen) von Walter Benjamin.

Rudolf Walter Leonhardt