Der scheidende IOC-Präsident Avery Brundage hatte den Mund zu voll genommen. Man könne über alles reden, so tönte er noch am vorigen Wochenende, nur nicht über den Ausschluß Rhodesiens von den XX. Olympischen Sommerspielen – zwei Tage später wurden die rhodesischen Sportler mit einem kräftigen Tritt aus dem olympischen Dorf hinausgeworfen. Die olympische Idee ist tot, es lebe Olympia.

Gewiß, in Rhodesien haben die weißen Machthaber Zündstoff durch Rassismus, Diskriminierung und Unterdrückung aufgehäuft. Aber die afrikanischen Sportfunktionäre haben diesen Zündstoff jetzt ebenso bedenkenlos dazu benutzt, um die Wettkämpfe in München politisch zu sprengen. Die Politik ist unverhüllt und massiv wie nie zuvor in den olympischen Bereich eingedrungen. Die Idee von völkerverbindenden Spielen in einem zumindest zeitlich und örtlich befriedeten Raum frei von politischen Quengeleien, Krisen und Kriegen, ist auf den Münchner Wettkampfstätten zur Fiktion geworden.

Der Präzedenzfall für künftige politische Pressionen ist geschaffen: In Montreal 1976 werden vielleicht die Schweden gegen Portugal protestieren, Großbritannien gegen Griechenland aufstehen, Australien nicht neben Japan an den Start gehen wollen. Das IOC rettete diesmal noch den sportlichen Wert der Spiele auf Kosten politischer Zugeständnisse. Doch die einstmals "herrlichste Nebensache der Welt", völkerverbindend und friedensfördernd, ist zur Plattform für nationale, ideologische und rassistische Eigenbröteleien verkümmert.

Heiter und gelöst sollten die Spiele verlaufen. Von Sport aber war in der bierernsten und verkrampften Politatmosphäre am Vorabend der Eröffnung nicht mehr die Rede. S. B.