Von Adolf Metzner

Feierliche Eröffnung der 73. Session des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) im Münchner Nationaltheater. Händels Halleluja hallt durch den Raum. Aber drohend liegt der Schatten eines Boykotts der schwarzen Welt über der Veranstaltung. Drei Reden werden gehalten. Der Bundespräsident spricht sein Grußwort, sagt gute Gastfreundschaft zu, warnt aber auch vor nationalistischen Untertönen und vor jener fatalen Überschätzung der Medaillen, "indem aus ihrer Zahl auf den Wert dieses oder jenes Gesellschaftssystems geschlossen wird".

Dann tritt Avery Brundage ans Pult und verkündet sein olympisches Testament. Überraschungen gab’s da nicht. Die heile olympische Welt wurde beschworen. Inmitten einer Zeit der Unruhe und des Aufruhrs, erfüllt von Aggressionen, Gewalt und Krieg solle die reine olympische Flamme die Finsternis erhellen. Was der Welt nach Brundage fehlt, ist Fairplay – würde sie sich von diesem Allheilmittel kurieren lassen, wäre endlich alles gut. Die Regeln sollen nicht reformiert, sondern im Gegenteil gefestigt und noch energischer durchgesetzt werden. Ein Vergleich mit den Zehn Geboten, die ja auch oft übertreten werden, taucht auf. Relikte der überspannten Coubertinschen Idee einer Religion der Athleten.

Natürlich reitet der alte Streiter auch sein Steckenpferd. Den Olympischen Winterspielen wünscht er ein sanftes Begräbnis 1976 in Denver. Dieses etwas makabre Bild wurde im deutschen Text freundlich redigiert, dort heißt es "Mögen sie die olympische Bühne würdig verlassen". Auch den Mannschaftssportarten rückt der 84jährige Recke auf den Leib. Tatsächlich sollte dieses Monstre-Spektakel Olympia radikal amputiert werden. Leichtathletik, Schwimmen, Rudern und Reiten, so meinen manche, würden genügen. Brundage bleibt sich treu, aber in seiner letzten Rede als IOC-Präsident hatte er den Menschen einer veränderten Welt kaum noch etwas zu sagen.

Ganz anders Willi Daume, der Organisator dieser elektronischen Spiele, die bis zum letzten programmiert sind und die mit ihrem riesigen Acryldach vielleicht schon die Architektur von übermorgen vorwegnehmen. Im Gegensatz zu dem konservativen Eiferer aus Chikago, der immer wieder predigt, daß die hehren Ideale der olympischen Idee über der Zeit stünden und sie zum Besseren bekehren müßten, hält Daume eine Auseinandersetzung mit dem Zeitgeist für unerläßlich. Er zitiert Holthusen, der jenen pathetischen Coubertin-Ausruf "Markt oder Tempel" abwandelte: "Die moderne Olympiade ist kein Heiligtum, sondern ein Experiment."

Willi Daume wendet sich aber auch mit Recht gegen jene intellektuellen Pessimisten, die nur die negativen Tendenzen wahrnehmen und den Olympischen Spielen ein baldiges Ende prophezeien – in Analogie zum Verbot der antiken Spiele durch Kaiser Theodosius I. gegen Ende des vierten Jahrhunderts nach Christus. Aber damals hatte eine neue Religion von der antiken Welt Besitz ergriffen, und Olympia wurde wie alle heidnischen kultischen Feste einfach abgeschafft.

Heiße Eisen werden angefaßt, Mißbrauche beim Namen genannt. Die durch Hormone gemästeten, wandelnden Muskelgebirge sind wirklich keine Zierde für Olympia. "Wer den Übermenschen will, landet allzu leicht im Unmenschlichen." Schließlich wird auch das Amateurproblem – die "ewige Mumie" – behandelt. Das Amateurstatut habe seine Schuldigkeit getan, meint der Redner. Großverdiener freilich sollten von den Olympischen Spielen ferngehalten werden. Aber man kann nicht Olympianormen festsetzen, die eine Leistungsfähigkeit verlangen, wie sie ein Amateur im klassischen Sinn gar nicht mehr vollbringen kann.