Jedes Jahr werden in der Bundesrepublik 400 bis 500 Nachwuchs-Journalisten gesucht: für die Lokal- und Zentralredaktionen der Presse, für Rundfunk und Fernsehen – aber auch für die Pressestellen von Behörden und Unternehmen. Denn keine Firma, die etwas auf sich hält, ist heute ohne Presse-Chef.

Journalist darf sich jeder nennen, der Lust dazu hat – ob er das Privatleben von Prinzessin Soraya "in Wort, Bild oder Ton" festhält, ob er mit seiner ganzen Arbeitskraft der Öffentlichkeit klarmacht, daß der "Weiße Riese" der beste Riese ist, oder ob er die St.-Pauli-Dame Evelin interviewt. Einen Schutz der offensichtlich begehrten Berufsbezeichnung gibt es nicht; denn "das Metier des Journalisten gilt als freier Beruf." So der Göttinger Professor Wilmont Haacke, Ordinarius für Publizistik.

400 bis 500 Nachwuchsleute pro Jahr – das ist nur eine annähernde Schätzung. Sie wurde vor wenigen Jahren vom "Deutschen Presserat" bekanntgegeben. Niemand weiß so recht, wie sie zustande kam. Nur eines steht fest: Eine wissenschaftliche Untersuchung, eine Bedarfsanalyse oder gar einen Perspektiv-Plan für die nächsten Jahre oder Jahrzehnte gibt es nicht.

Auch das Berufsbild ist diffus. Die Vorstellungen über die journalistische Ausbildung sind verworren, die Ausbildungsgänge entbehren sowohl der Systematik als auch der Effizienz. Welcher Weg für welches spezifische Ausbildungsziel am sinnvollsten ist – das hat niemand untersucht.

Der rein praktische Zweig der Ausbildung, das (meist) zweijährige Volontariat an einer Tageszeitung, wird zur Zeit von schätzungsweise drei Vierteln aller Aspiranten gewählt. Auch hier gibt es keine genauen Zahlen. Zwei Jahre Volontariat, das bedeutet: zwei Jahre "Dame als Ladendiebin", "Unhold im Stadtpark", "Schäferhunde legten Prüfung ab", "Schachklub wählte neuen Vorsitzenden". Und: Weinfeste, Schützenfeste, Faschingsfeste, Wohltätigkeitsfeste, Sommerfeste.

Die Ausbilder: einige überlastete Redakteure, die am Abend zwei, drei, vier gefüllte Seiten in der Setzerei haben müssen und schon zeitlich gar nicht in der Lage sind, sich auch noch um die Auszubildenden zu kümmern. Ist der Volontär nicht auf den Kopf gefallen, dann wird er dankbar als zusätzliche Arbeitskraft begrüßt und geht schon in der zweiten Ausbildungswoche zu den gleichen Terminen wie die Kollegen: Nur den Gemeinderat, den "macht der Chef" natürlich selbst. Und die Resonanz auf die Bemühungen des Neulings: Gelungene Beiträge findet er am nächsten Morgen im Blatt, mißlungene noch am gleichen Abend im Papierkorb.

Einige Zeitungen benennen einen "Volontärvater", der sich um die Volontäre und ihre Produkte kümmern soll. Von Zeit zu Zeit trifft er sich mit seinen Schützlingen zur Manöverkritik. Die Effizienz der journalistischen Ausbildung kann sich aber durch diese Institution nur geringfügig verbessern.