Willi Daume blinzelte in die von Scheinwerfern umrahmte Kamera der Tagesschau und versuchte, das komplizierte Rhodesien-Problem statementgerecht in drei Sätzen zu erläutern. Er schloß mit der resignierten Feststellung "Die Rhodesien-Frage ist eigentlich nicht zu lösen", mochte aber soviel Resignation der Millionengemeinde von Fernsehzuschauern nicht zu erkennen geben und bat um eine Wiederholung der Aufnahme. Sekunden später umringten ihn die Journalisten. Am Vorabend der heiteren Spiele war jede Spur von Heiterkeit aus seinem Gesicht gewichen. "Gibt es nicht irgendwo in der Welt eine Persönlichkeit, die im Interesse der hier versammelten Athleten einen Appell an alle vernünftigen Menschen richtet, damit die angereisten Sportler ihre Wettkämpfe durchführen können, auf die sie sich jahrelang vorbereitet haben?" fragte er grübelnd die Runde, ohne eine Antwort zu erwarten. Glaubt Willi Daume wirklich, ein Aufruf etwa von Königin Elizabeth, die er in ihrer Eigenschaft als Olympia-Besucherin in Erwägung zog, oder gar von Papst Paul, würde den olympischen Frieden bringen? Schließlich sind Olympische Spiele keine abstrakte Sportveranstaltung, sondern ein Politikum ersten Ranges.

Es gab Zeiten, da die naive Einstellung des Internationalen Olympischen Komitees gegenüber politischen Einflüssen Sympathien erweckte. Heute ist die Haltung des IOC ein Ärgernis.

Wie vor 50 Jahren stellt sich das IOC auf den Standpunkt: Wir sind eine Sportorganisation und haben mit Politik nichts zu tun. Brundage warnte deshalb mit Hinweis auf die Satzung: "NOKs, die nicht unabhängig sind, kann die Anerkennung entzogen werden." Eine leere Drohung, weil die Anwendung dieses Paragraphen den Ausschluß aller afro-asiatischen und osteuropäischen Länder bedeuten müßte. Ein Mann wie Brundage weiß das, aber er will es nicht zur Kenntnis nehmen. Anders lassen sich seine Äußerungen nicht erklären. Merkt er nicht, wie er zum Spielball der Politik und zum Gespött der internationalen Presse wird, wenn er sagt, daß IOC habe mit Regierungen nichts zu tun, um im nächsten Satz anzukündigen, daß man die britische Regierung um eine Stellungnahme zur Staatsbürgerschaft der Rhodesier ersucht habe.

Ein anderes Beispiel: Wie verhält sich das IOC zu UN-Beschlüssen? In Mexiko 1968 ist das Rhodesien-Problem unbemerkt unter den Tisch gefallen, als sich Mexikaner unter Bezugnahme auf ihre UN-Verpflichtungen weigerten, die Rhodesier ins Land zu lassen, vier Jahre spater wurde die Bundesregierung durch den leichtfertigen Luxemburger Beschluß des IOC quasi gezwungen, die UN-Resolution zu umgehen und muß nun den Vereinten Nationen Antwort auf die Anfrage geben, ob und wie sie die Sanktionen erfüllt habe.

Der Sport, zumal auf olympischer Ebene, spielt sich nicht im Niemandsland ab. Jene, die ihn auf weltweiter Ebene managen, können das nicht mit den klassischen Sportfunktionärsmethoden tun, sondern müssen, wenn sie nicht unheilvolle Entwicklungen provozieren wollen, ein Minimum an politischem Fingerspitzengefühl entwickeln. Jeder aufmerksame Beobachter konnte die Entwicklung vorausberechnen.

In der ZEIT Nummer 4 vom 21. Januar 1972 hieß es dazu: "Die unabhängigen afrikanischen Staaten müssen sich entscheiden, ob sie an ihren politischen Prinzipien kompromißlos festhalten und ein rassistisches System mit totalem Boykott bekämpfen wollen oder ob sie einigen schwarzen rhodesischen Sportlern die Chance lassen wollen, zu sportlichen Ehren zu kommen. Letzteres ist allerdings mit einer politischen Demonstration Rhodesiens vor den Augen der Weltöffentlichkeit unabdingbar verknüpft. Vieles spricht dafür, daß dieser Preis den selbständigen afrikanischen Staaten zu hoch erscheint."

Diese Prognose hat sich – leider, muß man für die Veranstalter sagen – bewahrheitet. Es war also die Frage, ob das IOC den politischen Pressionen nachgab oder als Alternative eine Mini-Olympiade abzuhalten bereit war. Getreu dem Brundage-Wahlspruch "The Games must go on" zog das Plenum das kleinere Übel vor und stimmte lieber dem Exodus von 40 Sportlern zu, als dem Abzug von 40 Nationen zuzusehen.

Rolf Kunkel