Von Rudolf Walter Leonhardt

Die Jugend der Erde versammelt sich jetzt zu friedlichem Wettstreit in München, und alle Welt wird daran Anteil nehmen.

Es charakterisiert den Zustand der Welt, in der wir uns befinden, daß dem, der einen solchen Satz schreibt, nicht ganz wohl dabei ist. Wobei jeder von uns, der Biologe in Chicago wie der Elektrotechniker in Kyoto, der Soldat in Belfast wie der Journalist in Hamburg, sich einen Ruck geben muß, um sich immer von neuem darüber klar zu werden, daß "die Welt, in der wir uns befinden", nur ein Bruchteil der ganzen Welt ist.

Jener Anfangssatz, bei dem mir nicht ganz wohl ist, ist aber doch wahr. Oder etwa nicht?

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"Die Jugend der Erde": Also gut, ein paar ältere Herrschaften sind auch dabei, vor allem unter den Funktionären und unter den Dressurreitern, aber das kann ja wohl nicht schaden. Von den Ländern der Erde werden vielleicht einige afrikanische Staaten fehlen, und vor allem fehlt natürlich China – diesmal noch. Aber sonst ist jeder Kontinent doch recht umfassend repräsentiert.

Wo, bitte, gibt es das denn sonst noch einmal, daß Angehörige beinahe aller Länder sich an einem Ort zu gemeinsamen Tun – und nicht nur zum Debattieren, wie in der UN – treffen? Anspruchsvoller gefragt: Welche Idee könnte sich an Anziehungskraft messen mit der "olympischen"? Daß da, zunächst jenseits von Gut und Böse, etwas höchst Erstaunliches, etwas vermutlich sehr Wichtiges geschieht, läßt sich wohl kaum leugnen. Daß die "olympische Idee" sich mißbrauchen läßt für persönlichen Profit oder für nationales Prestige, darüber sind wir während der letzten Wochen wieder sehr umfassend informiert worden. Aber welche Idee ließe sich nicht mißbrauchen?