Nach langem Zögern erteilte Bonn die Konzession für die Öl- und Gasgewinnung

Noch in diesem Jahrzehnt", so jubelte die Londoner Financial Times, "wird Großbritannien etwa die Hälfte seines derzeitigen Ölbedarfs aus der Nordsee decken." Die Briten haben allen Grund zum Optimismus. Erst in diesen Tagen entdeckten sie nahe den Shetland-Inseln eine neue Ölquelle. Auch für Norwegen, Dänemark und die Niederlande ist die Nordsee zu einem Meer des flüssigen Goldes geworden.

Abseits steht allein die Bundesrepublik. Hier werden zwar immer wieder Vermutungen angestellt, wo und wann Öl auf deutschem Hoheitsgebiet gefunden wird. Doch der erwartete Fund blieb bislang aus. Zwar fand man spektakuläre Mengen von Erdgas. Aber zur allgemeinen Enttäuschung war das Gas wegen seines zu hohen Stickstoffgehaltes nicht zu verwerten.

Dabei gehörte die Bundesrepublik zu den Pionieren auf der Suche nach Nordseeöl. Schon 1957 unternahm das damalige Amt für Bodenforschung in Hannover gemeinsam mit der bundeseigenen Gesellschaft für praktische Lagerstättenforschung (Prakla) die erste seismologische Erkundung in der gesamten Nordsee. 1964 wurde eine Arbeitsgemeinschaft "Nordsee-Konsortium" gegründet, in der zehn in- und ausländische Erdgas- und Erdölfirmen zusammenarbeiten. Aber während auf dem britischen Schelf allein zwanzig Erdgasfelder entdeckt wurden, gingen die Deutschen leer aus.

Doch gerade sie, sind auf neue Versorgungsquellen angewiesen. Noch in der zweiten Hälfte der siebziger Jahre rechnen Experten mit ernsten Schwierigkeiten in der Energieversorgung. Die Bundesrepublik wird 1980 Energie mit einem Wärmegehalt von 574 Millionen Tonnen Steinkohleneinheiten (SKE) verbrauchen. Gas, Mineralöl und Kernenergie sollen, wie auch sonst in Westeuropa, allein dieses Wachstum tragen. Wasserkraft und Braunkohle werden nach den Schätzungen absolut etwa die gleiche Menge stellen wie heute, während die Steinkohle in der Bundesrepublik bis 1985 sogar auf 58 Millionen Tonnen zurückgehen soll.

Für die Erschließung neuer Öl- und Gasquellen müssen in den nächsten Jahren Milliardensummen investiert werden. Die Mineralölindustrie warn:, daß die derzeitigen Erlöse für Mineralölprodukte auf dem deutschen Markt eine ausreichende Versorgung für die Zukunft nicht gewährleisten können. Die Erträge gingen im ersten Quartal 1972 um 35 Prozent zurück. Die Heizölpreise befinden sich auf einem Tiefpunkt. Die Kosten für den Rohölbezug sind erheblich gestiegen.

Während die Mineralölindustrie nicht müde wird, auf die geringe Verdienstspanne hinzuweisen, die ihr die Suche erschwert, verschweigt sie ein anderes Motiv. Die Erfolglosigkeit deutscher Erdölsuche liegt teilweise an übertriebener Zurückhaltung der Mineralölfirmen. Ihre Wissenschaftler, so war dieser Tage von einer großen Gesellschaft der Branche zu erfahren, wissen sehr wohl, daß und wo auf dem deutschen Schelf Öl zu finden ist. Doch die Unternehmen schwiegen sich darüber aus, weil nicht klar war, wer die Konzessionen bekommen sollte. Das für die Konzessionserteilung zuständige Oberbergamt Clausthal hat sich nun entschlossen: Die Erlaubnis zur "Aufsuchung und Gewinnung von Erdgas und Erdöl für den größeren Teil des (deutschen) Festlandsockels" ging jetzt an das "Nordsee-Konsortium".