Bonn braucht einen "Parlamentsbeauftragten für Datenbanksysteme"

Von Ernst Lutterbeck

Die vor uns liegenden knapp 30 Jahre bis zur Jahrtausendwende sind einmal "die Zielgerade vor der großen Wendemarke" genannt worden. Es besteht kaum noch ein Zweifel, daß bis dahin das "Informationszeitalter" ausgebrochen sein wird. Carl-Friedrich von Weizsäcker hält die Information für die dritte Grundwesenheit neben Materie und Energie und neigt zu der Annahme, daß die beiden anderen wahrscheinlich auf die dritte als gemeinsame Wurzel zurückgeführt werden können. Die Entwicklungen der Nachrichtentechnik, der Informationstechnologie, der elektronischen Datenverarbeitung und anderer Techniken lassen. bereits heute den Schluß zu, daß der Zustand der totalen Information in einem audiovisuellen Computerzeitalter keine Utopie mehr sein wird. Wenn auch viele Fachwissenschaftler abwiegeln und über Pläne wie den eines "Informationsbankensystems" mitleidig lächeln – es war noch nie die Stärke von Spezialisten, den Gesamttrend der technisch-wissenschaftlichen Entwicklung in Abhängigkeit von der gesellschaftlichen Entwicklung richtig einzuschätzen. Gerade das aber ist eine der wichtigsten Aufgaben der Staatsführung, und sie wird sie ohne intensive Mitarbeit der Öffentlichkeit nicht erfüllen können.

Es geht dabei nicht um Futurologie. Jetzt schon ist es durchaus möglich, Möglichkeiten und Gefahren der Informationstechnologie und des einseitig technologischen Denkens zu erforschen und richtig einzuschätzen. Jetzt schon lassen sich gesellschaftliche Wert- und Zielvorstellungen erarbeiten, damit wir für die Konfrontation mit dem "modernen Leviathan" EDV gerüstet sind.

Solange nur einzelne Firmen ihre giftigen Abwässer in unsere Flüsse geleitet haben, hat das kaum ein Mensch zur Kenntnis nehmen müssen. Nun aber, da die Umweltverschmutzung globale Ausmaße angenommen hat, sind ziemlich plötzlich nationale und internationale Anstrengungen größten Ausmaßes erforderlich, um die Gefahr des biologischen Todes von der Erde abzuwenden. Vergleichbar ist die Entwicklung im Informationswesen: Solange nur einzelne Besoldungsstellen ihre Gehaltsabrechnungen, einzelne Bibliotheken ihre Katalogsysteme oder einzelne Fluggesellschaften ihre Platzbuchungen auf die EDV umgestellt haben, war die Gesellschaft davon kaum berührt, weil es sich um Rationalisierung handelte. Nun aber, da es möglich wird, die bereits bestehenden oder die vielen geplanten Computersysteme innerhalb großer Bereiche der Wirtschaft, der Wissenschaft und des Staates zu Verbundnetzen zusammenzuschließen, rückt dieses Phänomen ziemlich schnell gleichberechtigt neben Probleme wie Umweltschutz, Entwicklungshilfe, Raumordnung usw.

Das hierbei wesentliche Merkmal der EDV ist nicht, wie immer behauptet wird, ihre unvorstellbare Schnelligkeit bei logischen Operationen, sondern die Fähigkeit, sehr viele einzelne Elemente, die aus den verschiedensten Quellen stammen und in den verschiedensten "Dateien" abgespeichert sind, miteinander vieldimensional zu verknüpfen und innerhalb von Sekunden auf Anfrage auszugeben.

Nehmen wir an, in den Datenbanken der öffentlichen Hand seien von jedem Bürger gespeichert: Einwohnermeldedaten, Personenstandsdaten, Fahndungsdaten, medizinische Daten, Strafakten (das Register ließe sich unter antidemokratischem Vorzeichen auf alle überhaupt denkbaren Personaldaten ausdehnen) – übrigens eine zwangsläufige Entwicklung, die längst begonnen hat und ohne die in Zukunft eine geordnete Verwaltung gar nicht mehr denkbar ist. Auch wenn diese Daten in örtlich und fachlich ganz verschiedenen Datenbanken gespeichert sind, wird es technisch ohne weiteres möglich sein, sich die Daten einzelner Bürger oder von Bevölkerungsgruppen nach den verschiedensten Merkmalskombinationen an einer Stelle ausgeben zu lassen, wenn die einzelnen Datenbanken zu einem Verbund zusammengeschlossen sind.