Moskau, im August

Die Moskauer wiegen bedächtig den Kopf, wenn das Gespräch auf ihren Mann in Reykjavik kommt. „Natürlich möchten wir, daß unser Spasskij gewinnt“, sagen sie, aber sie fügen dann leicht zerknirscht hinzu, „doch Bobby Fischer spielt schon großartig.“

Selbst in der Parteizeitung Prawda wurde dem amerikanischen Herausforderer des Schachweltmeisters Lob gezollt: „Schon die erste Partie hat gezeigt, daß sich Fischer gut auf den Zweikampf mit Spasskij vorbereitet hat. Vor allem zeigt sich dies bei den Eröffnungsvarianten und der Psychologie des Schachwettkampfes“, schrieb Großmeister Kotow. Während auf Seite eins der Prawda Ernteerfolge gefeiert, die sozialistische Einheit gerühmt und die Genossen zu größeren Leistungen aufgefordert werden, erleben sie auf der letzten Seite eine Art Golgatha ihres Schachhelden.

„Es ist schwer zu begreifen, wie ein Schachspieler von der Qualität Spasskijs so schlecht ziehen kann“, stellte Kotow nach der sechsten Partie fest, und als dann Spasskij in der achten Partie „einen unbegreiflichen Fehler gemacht hat“, brach Kotow vollends den Stab: „Niemals zuvor in seiner ganzen Schachkarriere hat er sich so viele grobe Fehler geleistet wie jetzt in Reykjavik.“

Selbst nach dem Sieg in der elften und dem Remis in der zwölften Partie blieb Kotow skeptisch: „Spasskij hat Selbstvertrauen gewonnen, hat aber unnötige Risiken auf sich genommen.“

In der Regierungszeitung Iswestija dagegen jubelte der internationale Großmeister Bronstein, der vom ersten Zug an staatserhaltenden Optimismus verbreitete, nach dem lange erhofften Spasskij-Sieg: „Meiner Ansicht nach hat die elfte Partie gezeigt, daß der Weltmeister endlich den verlorenen Schlüssel zum Angriffsspiel gefunden und den Rubikon überschritten hat. Er hat jetzt seine vielseitigen Begabungen entfaltet.“ Das Remis in der vierzehnten Partie nach einem erneuten Fehler Spasskijs hat allerdings selbst bei Bronstein Zweifel geweckt, ob der sowjetische Weltmeister den Schicksalsfluß wirklich mit beiden Beinen überschritten hat.

So wie Prawda und Iswestija ja werden Millionen sowjetischer Schachfans von Spiel zu Spiel skeptischer, ob es Spasskij gelingt, die Siegeskette seiner Landsleute fortzusetzen. „Warum greift Spasskij denn nicht an? Warum greift er nicht an?“ stöhnte nach einer der Partien ein Schachspieler im Moskauer Schachklub am Gogol-Boulevard. Tag für Tag treffen sich dort in den stuckverzierten Räumen des ehemaligen Bojaren-Palastes Hunderte von Menschen und spielen die Reykjaviker Partien nach. In einem großen Saal erläutert ein Schachmeister die Phasen des Kampfes Fischer-Spasskij wie ein Militärstratege die versuchte Landung auf Kuba. Das Fernsehen zeigt nach jedem Spieltag auf einer Magnettafel die Züge. Der Rundfunk meldet den Verlauf der Partien in allen Einzelheiten. Die Schachspieler hocken dann vor den Lautsprechern und notieren sich die Züge.

In den Parks von Moskau sitzen Schachspieler in der warmen Abendsonne und spielen Fischer gegen Spasskij, diskutieren die Bewegungen auf den 64 Feldern, ereifern sich, wenn ihr Held einen Fehler macht oder Fischer mit einem originellen Zug überrascht. Manche Sowjetbürger glaubten, zwar anfangs nach den vielen Tricks und Protesten von Bobby Fischer, daß der Amerikaner die Regeln des Pokerspiels mit denen des Schachs verwechselt habe. „Aber“, so meinte anerkennend ein bekannter sowjetischer Schachspieler, „selbst wenn Fischer Gangstermethoden anwendet – spielen kann er.“ Boris Bogomolow