Das Geschäft mit Alt-Deutschland

Von Peter Ernst

Frau Wagner, als Fremdenführerin von einem Fan in Übersee zur „Frau Trudl of Rothenburg“ geadelt, befürchtet Zeitnot. „Wo bleibt sie denn?“ murmelt die Touristen-Hirtin, denn es ist schon vier Minuten nach neun, und ihre Schäfchen wollen schließlich gleich nach Salzburg weiter. Dann erscheint am Plönlein, einem der schönsten von den schönsten Plätzen Rothenburgs, eine grauhaarige Frau am Fenster und winkt. „Da ist sie ja“, ruft Frau Trudl, wendet sich an ihre fünfzig amerikanischen Zuhörer und erklärt: „Die Dame ist die einzige Mormonin in Rothenburg. Ist jemand aus Salt Lake City hier?“ Kein Echo aus der Mormonenmetropole. Frau Trudls Auftrittsgag ist damit eigentlich verpufft. Doch unverdrossen redet sie ihren eingerollten Schirm in die Höhe und kommandiert: „Greet Frau Hahn guten Morgen!“ Ein gemischter Chor aus zwölf Staaten der amerikanischen Union blökt gehorsam: „Gumorn.“

Jetzt sind die fünf Minuten um, die die Touristen-Trudl zum Test einbaut: „Ich weiß nach den ersten fünf Minuten, was mit meinen Leuten los ist. Die meisten Amerikaner sind voraussetzungslös, was Geschichte angeht.“ Dann des Chores zweite Strophe: „Say auf Wiedersehen.“ „Auf Wiedersehen.“ Gutes altes Deutschland. Genau, wie man es sich vorgestellt hat. Prospekte lügen nicht.

Die Gruppe besteht zur Hälfte aus Lehrern. Sie hat für 32 Tage Europa gebucht und macht in dieser Zeit eine Schnitzeljagd durch neun Länder. Acht Tage mit acht Rundgängen sind schon abgespult, und der ergeben hinter Frau Trudl und ihrer für Gesang ausgebildeten Stimme herstapfende Apotheker aus Long Beach ist müde. Den historischen Klappentext, den sie ausgeteilt hat, trägt er zerknittert in der Hemdentasche. Er wird ihn nachher im Bus lesen, wenn überhaupt. Vielleicht stimmt er sich schon auf Mozart ein. Oder auf Tito. „In welchem Teil Deutschlands liegt Rothenburg eigentlich?“ fragt der Kalifornier. Bei der Blitztour durch neun Länder kann einem schon mal die Windrose in Verwirrung geraten.

Eine teure Stadt?

Die Gruppe wohnt im „Goldenen Hirschen“, von dessen Blauer Terrasse der Gast einen teuren Blick auf das Taubertal genießen darf. Der Oberober, Speisekartenfremdenführer mit mehrsprachig verwendbarer Zunge, pflichtet gerade einem französischen Paar bei, dem das Taubertal höchst romantisch und geschichtlich aufregend erscheint. „Wui, madamssjö.“ Ob die Amerikaner auch... „Mais nong“, flötet der Herrscher der Blauen Terrasse und haut die Amerikaner in die Pfanne: „Die meisten sehen nichts. Sie kommen müde hier an, waschen sich die Hände, essen, gehen ein paar Schritte spazieren, schreiben ein Dutzend Karten und fahren wieder weg.“