Von Wolfram Siebeck

Es hatte alles so außergewöhnlich begonnen, so einmalig, so großartig und aufregend, daß das Ende – oder besser: das fehlende Ende – eigentlich zu erwarten war. Dennoch hatte niemand damit gerechnet; das IOC nicht, das doch an sonst alles gedacht hatte, was mit den Olympischen Spielen zusammenhängt; die Bundesregierung nicht, die bayerische Landesregierung nicht; der ehemalige Oberbürgermeister Vogel, der seine Münchener eigentlich kennen sollte, ebensowenig wie der NOK-Präsident Daume, der doch jahrelang darauf hingearbeitet hatte. Dabei waren die Zeichen überdeutlich gewesen. Aber wir haben wohl alle die Augen verschlossen. Oder sie haben uns die Sicht genommen: das herrlich teure Zeltdach, die fünf bunten Ringe und der Waldi.

Schon Wochen vor den Spielen waren die Zeitungen zu reinen Sportblättern geworden, die anderen Ereignissen als der Olympiade nur noch zögernd Raum gaben. Jeder in München eintreffende Sportler wurde seitenlang begrüßt und großformatig abgebildet; die Lieblichkeit jeder Hostess, die Fußpilzgefahr in den Duschräumen, die Hilflosigkeit ausländischer Touristen beim U-Bahnfahren – keines der glänzenden Olympiaereignisse wurde mit weniger als 200 Druckzeilen gewürdigt. Von 100 in jenen Tagen geborenen Mädchen hießen 98 Olympia.

Als dann die Spiele endlich begannen, gingen die kleinen Pannen in einer Woge der Begeisterung unter, die über dem Land zusammenschlug. Weder ist jemals ein Führergeburtstag noch der Einmarsch in Paris so enthusiastisch gefeiert worden. Die kleine Minderheit der nicht am Sport Interessierten verließ unbemerkt (und unbelästigt!) das Land.

Wir wollen hier nicht an die einzelnen Kämpfe erinnern, an die Rekorde, die Siege, die Medaillen. Jedem, der damals lebte, werden sie unvergessen sein. Als der letzte Tag der Olympischen Spiele näherrückte, erkannten die verantwortlichen Männer ganz klar: Ein Ende der Spiele käme einer nationalen Katastrophe gleich! Da verlängerte der Bundespräsident die Olympiade um weitere 16 Tage. Ein neuer Fackelläufer traf in München ein. Der Jubel kannte keine Grenzen. Während die Sportler noch einmal antraten, um ihre gerade aufgestellten Rekorde wieder zu brechen und neue Medaillen zu gewinnen; während die Münchener Wirte ihre Preise weiter heraufsetzten und politische Aktivitäten völlig eingestellt wurden, fieberten jeder deutsche Mann und jede deutsche Frau in München oder am Fernsehgerät um Leichtathleten und Springreiter. Die Menschen in diesem Zustand wieder in die nüchterne Realität zurückzurufen, war nicht nur nach Meinung der amtierenden Regierung gefährlich. Auch bekannte Psychologen sagten unberechenbare Reaktionen voraus. Also erschien ein neuer Fackelträger im Olympiastadion, und der Bundespräsident verlängerte die Olympiade ein weiteres Mal.

Das Volk war glücklich wie nie zuvor in seiner Geschichte. Das Nationale Olympia-Komitee zog daraus die einzig richtige Konsequenz. Nach der dritten Verlängerung, am 28. Oktober 1972 alter Zeitrechnung, rief Willi Daume dem Volk zu: "Wollt ihr die totale Olympiade?" und ein jubelndes, millionenfaches "Ja!" antwortete ihm, wie es zwischen Nordseestrand und Alpenrand nicht mehr gehört worden war seit dreißig Jahren. Bald darauf übernahm er die Regierungsgewalt, und Deutschland wurde Olympialand.