Mit der öffentlichen Verbrennung von Büstenhaltern, wie es streitbare Anhängerinnen der amerikanischen Women’s liberation movement zum Zeichen weiblicher Emanzipation getan haben, wäre das Problem der unterdrückten Frau bei uns wohl kaum zu lösen. Eher sollte man die Lehrpläne. unserer Volks- und Realschulen in den Ofen stecken. Derlei Gelüste drängen sich einem auf, wenn man eine eben veröffentlichte Untersuchung über "die Benachteiligung der Mädchen in Schulen der Bundesrepublik und Westberlin" liest, verfaßt von der Soziologin Maria Borris.

Im Auftrag des Rationalisierungskuratoriums der Deutschen Wirtschaft hat sie Lehrpläne durchforstet, Ministerialbeamte und Schulrektoren interviewt. Sie ist der Frage nachgegangen: Gibt es bei uns immer noch eine spezifische Mädchenbildung, die die traditionelle Rolle der Frau als Hausfrau und Mutter festigt? Die Antwort lautet: Ja, es gibt sie immer noch, auch wenn von offizieller Seite das Gegenteil behauptet wird.

Denn der Schulalltag in den Volks- und Realschulen sieht so aus: Der Unterricht in den Fächern Werken, Hauswirtschaft und Handarbeit wird in fast allen Bundesländern für Jungen und Mädchen getrennt erteilt. In Bremen beispielsweise haben die Jungen der 8. und 9. Klasse vier Stunden in der Woche Werken. Die Mädchen sind davon ausgeschlossen und haben statt dessen "Hauswerk" und "Nadelarbeit". Von Physik und Chemie aber haben sie überhaupt keine Ahnung. Unterricht in diesen Fächern findet für sie nicht statt. In Schleswig-Holstein und Bayern werden die Mädchen zwar in Physik und Chemie unterrichtet, aber nur halb soviel wie die Jungen. In Bayern gar werden die Mädchen auch in den Kernfächern gegenüber den Jungen benachteiligt. Sie haben weniger Deutsch-, Geschichts-, Erdkunde-, Sozialkunde- und Naturlehre-Unterricht; Mädchen werden auf Herd und Nähkästchen festgelegt. Nur dem männlichen Nachwuchs ist es vorbehalten, technischen Sachverstand zu entwickeln.

".. und drinnen waltet die züchtige Hausfrau" – Schillers Wort findet sich, etwas prosaischer zwar, auch heute noch in den Lehrplänen wieder: "Erziehung und Unterricht nehmen auf Eigenart und Lebensaufgabe der Geschlechter gebührend Rücksicht. Das Mädchen ist nicht nur Kind, Sondern auch Tochter und Schwester; es wird in Zukunft Mutter sein, oder es hat als berufstätige Frau sein Leben fraulich zu gestalten. Daher ist es auf seine wesenhaft weiblichen Anlagen, Kräfte und Aufgaben hin zu bilden." Nachzulesen in den Richtlinien und Stoffplänen für die Volksschule in Nordrhein-Westfalen.

Die "wesenhaft weiblichen Anlagen" sollen darin liegen, daß Mädchen mehr für das "Dekorative" geeignet seien, Jungen aber für das "Konstruktive". Die Jungen stellen Gegenstände her, die Mädchen machen Verzierungen, färben Stoffe, nähen. Das Ziel: Jungen sollen durch technisches Werken zu "schöpferischem Gestalten" angeregt werden, die Mädchen durch Nadelarbeit zu "Ordnung, Sauberkeit, Disziplin".

Daß die Lehrpläne tatsächlich die Unterrichtspraxis bestimmen, beweisen die Äußerungen der verschiedenen Schuldirektoren. 70 Prozent der Befragten halten das Interesse der Mädchen für Mathematik und Physik für gering. Diese Fächer stellen angeblich zu hohe Anforderungen an das geringe weibliche Abstraktionsvermögen. Nun – wenn bestimmte Fähigkeiten erst gar nicht gefördert werden, muß zwangsläufig auch das Interesse ausbleiben. Es ist ein Teufelskreis. Wenn Frauen später im Berufsleben vorwiegend untergeordnete Positionen ausfüllen, so ist das nicht naturbedingt, sondern entspricht lediglich den schon in der Schule vorgeprägten Vorstellungen von dem, was Frauen zu sein haben: Hausfrau, Mutter und, wenn’s sein muß, Dazu-Verdienerin.

Margrit Gerste