Ulm

Wo sich einst die Ichthyosaurier tummelten, wollen zwei geschäftstüchtige Hamburger künftig Tiger und Elefanten auf die Menschheit loslassen. Auf dem höhlenreichen Gebirgsstock der Schwäbischen Alb zwischen dem Donautal und dem Neckartal soll ein Safari-Park angelegt werden, ein Park, der den Älblern all das zu bescheren verspricht, was ihnen das rauhe Klima, der karge Boden und die Industriearmut bisher vorenthalten haben.

Mindestens 200 000 Menschen würden jährlich in ein solches Jagdrevier kommen, rechnet sich der Münsinger Bürgermeister Kälberer aus, und den Älblern Wohlstand bringen. Doch da gibt es den Schwäbischen Albverein (100 000 Mitglieder). Seine Pfadfinder haben schon viele hundert Kilometer Wanderwege angelegt und Erholungseinrichtungen für die Großstädter zwischen Ulm, Stuttgart und Heilbronn geschaffen. Sie möchten auch künftig lieber Hasen, Rehen und Murmeltieren bei ihren Wochenendausflügen begegnen als afrikanischem Ungetier. Auch Uhus, Gemsen, Wildkatzen, Steinböcke, Füchse, Fasanen, Wildpferde, Rentiere, ja sogar Wölfe oder vielleicht auch noch Bären dürfen es sein. Kurzum, lieber deutsches Ungetier als afrikanisches Wild.

Das wollen auch die staatlichen Umweltschützer. Sie planen einen siebzig Hektar großen Park, in dem etwa 200 Tiere eingepfercht werden sollen. Die dafür erforderlichen zwei Millionen Mark sollen der Staatskasse entnommen werden, so meinte Landwirtschaftsminister Brünner. Und auch sein Kollege vom Inneren, Karl Schieß – selbst passionierter Jäger –, war dem Gedanken nicht abhold. Immerhin hatte er mit seiner Verwaltungsreform im letzten Jahr dazu beigetragen, daß die Münsinger ihres Landratsamts und in der Folge davon wohl auch noch anderer staatlicher Behörden verlustig gehen werden. Ein paar Hirsche sollte dem Staat der Verzicht auf ein paar Beamte schon wert sein. In der Amtssprache: Ausgleich für den Zentralitätsverlust.

Hemmungen hat nur noch Finanzminister Robert Gleichauf, der knapp bei Kasse ist und nicht einmal Geld für ein Affenhaus hat. Jetzt müssen die Münsinger also befürchten, daß ihr Projekt mangels Finanzen scheitert und derweil die Löwen aus Hamburg sich einen anderen Platz suchen. Sie sollen bereits Fährte in dem nicht allzu weit entfernten Kreis Horb aufgenommen haben, der zwar auch sein Landratsamt verlieren wird, aber finanziell immer noch etwas freier disponieren kann als die Münsinger. So könnten also den Älblern die Elefanten nach Horb davonlaufen und die Rentiere oder Wildpferde ebenso wenig den Weg nach Münsingen finden wie die Industrieansiedler. Die Fremdenverkehrswerber können dann nicht einmal den bekannten Slogan in ihren Albprospekt aufnehmen: "Kommt dorthin, wo sich Fuchs und Wolf gute Nacht sagen!"

Nikolas Lang