DIE ZEIT

Last der Macht

Im Glaspalast am East River kam es zu einer zweiten chinesischen Premiere. Erstmals seit dem triumphalen Einzug vor zehn Monaten machte die Mao-Delegation im Sicherheitsrat von ihrem Vetorecht Gebrauch und blockierte die Aufnahme Bangla Deshs in die Weltorganisation.

Armer Nehru

Wer mit Erleichterung die sich anbahnende Normalisierung auf dem südasiatischen Subkontinent verfolgt hat, wird durch neue beunruhigende Meldungen erschreckt.

Moralisches Patt

Die Parlamentarischen Staatssekretäre Dorn und Raffert haben mit ihrem freiwilligen Rücktritt dem Bundeskanzler eine Entscheidung erspart, die ebenso notwendig gewesen wäre, wie sie ihm schwerzufallen schien: die fristlose Entlassung.

Abgrenzung

Noch laufen die Gespräche. Der angestrebte Grundvertrag zwischen der Bundesrepublik und der DDR soll eine Normalisierung zwischen beiden deutschen Staaten einleiten, die politische Situation entkrampfen, die Bürger von diesseits und jenseits der Elbe einander wieder näher bringen.

Hürdenlauf nach Europa

Der französische Staatspräsident Pompidou weiß, daß Bundeskanzler Brandt am Zustandekommen einer europäischen Gipfelkonferenz im Oktober sehr interessiert ist.

Anwalt der Steuerzahler: Mit der Patina von drei Jahrhunderten

Das sonst so zuverlässig rapportierende Munzinger-Archiv muß wohl eine schwache Stunde gehabt haben, als es hinter den Namen des ehemaligen Staatssekretärs im Bundesinnenministerium, Hans Schäfer, als erste Eigenschaft setzte: „Deutscher Politiker, FDP“.

Mordserie in Nordirland: Die Schlächter von Belfast

Mark Anton, so wissen wir von Shakespeare,war nach der Ermordung Cäsars in der Lage, dem Volk von Rom die Toga des Toten und die genaue Zahl der Messerstiche zu zeigen, die dem Leben des großen Mannes ein Ende gemacht hatten.

Zeitspiegel

Peking folgt alter kommunistischer Praxis. Nachdem Lin Piaos Verrat und die Umstände seines Todes veröffentlicht wurden, wird nun sein Name aus der offiziellen Geschichte der Volksrepublik gestrichen.

Sir Francis Chichester: Der Commodore

Als er diesen Sommer, den Rat seiner Ärzte in den Wind schlagend, todkrank zur Atlantik-Regatta der Ein-Mann-Segler aufbrach, als England um sein Leben bangte, weil sich seine Spur auf dem Ozean verloren hatte, da regte sich bei manchem der Verdacht: Sir Francis Chichester habe mit seiner „Gipsy Moth V“ eine Fahrt ohne Wiederkehr angetreten, so wie greise Generäle auf dem Schlachtfeld die letzte Kugel suchen.

Forschungspolitik: Teure Denkfabrik

Ohne eine grundlegende Änderung von Struktur, Organisation und Arbeitsweise der Gesellschaft erscheint die ordnungsmäßige Verwendung der Mittel auch für die Zukunft nicht gesichert.

Auf der Tagesordnung des Bundestags: Endspurt mit Kniffen

Trotz der hochentwickelten Fähigkeit mancher Politiker des Regierungslagers in alle möglichen Fettnäpfchen zu treten und Affären und Krisen zu produzieren, errechnen die Demoskopen immer noch einen deutlichen Stimmenvorsprung für die Koalition.

Aus Peking zurück: Der idyllische Drache

Es ist noch nicht lange her, da wurde China als zorniges, revolutionäres Land, erfüllt von grimmig-kommunistischem Ernst und zerstörerischer Gewalttätigkeit, beschrieben.

Argentinien: Panzer vor den Särgen

Am 25. August wollte Argentiniens Präsidenten-General Lanusse seinen Triumph feiern. Bis zu diesem Datum, so hatte die Junta verfügt, müßten alle Präsidentschaftsbewerber für die Wahl im März 1973 ihre Ämter niederlegen und ihren Wohnsitz in Argentinien nehmen.

Lokalzeit: Viel Kies

Wer heutzutage Autobahnen baut, muß mit allem rechnen. Der Bauer Hermann Becker aus Hamburg-Harburg weiß: Wer Berge versetzen will, braucht nicht unbedingt einen unerschütterlichen Glauben.

Politisches Olympia: Bonn in Bayern

Die Bonner Politiker genießen den letzten Aufschub vor dem Wahlkampf. Schon als Kanzler, Minister, Staatssekretäre und der nach Hunderten zählende Troß der Gehilfen und Verbindungsstäbe aus den Ämtern und Behörden die Koffer packten und sich zum Abflug nach München sammelten, glich die Szene dem fröhlichen Gewimmel auf einem Schulhof unmittelbar vor Beginn der großen Ferien.

Krach um Schulbuch: Ein eigenes Urteil

Immer mehr wandelt sich das Schulfach Sozialkunde in Hessen zu einer sozialistischen Verkündigungslehre, die von linken Geistern okkupiert wird.

Emigranten in den USA: Erbe von Weimar

Es ist etwas an unserer Beziehung zur Weimarer Republik, das an Alfred Hayes’Lied vom legendären Syndikalistenführer Joe Hill erinnert: „Sag ich: ‚Aber Joe, du bist zehn Jahr‘ tot‘, ‚Ich starb noch nicht‘, sagt er.

Kriegsdienstverweigerer: Ab zur Müllabfuhr?

In seinem bemerkenswerten Briefwechsel mit der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft über Fragen der Wehrkunde zürnte der (ehemalige) Bundesverteidigungsminister Helmut Schmidt: „Beobachtungen zeigen, daß sich Verbände im schulischen Bereich etablieren oder wirksam sind, die unterschiedlos jeden Wehrunwilligen in besonderen Schulungen regelrecht auf Kriegsdienstverweigerung einpauken und sich öffentlich hierzu anbieten.

Das Spiel der Spiele hat begonnen

Der olympische Alltag hat begonnen. Endlich! Tatsächlich war die vorolympische Woche mit ihrem brutalen Einbruch der Politik in den olympischen Frieden nervenaufreibend.

Wofür kämpfen sie?: Einer sagte: „Gold“

Diese Sätze stammen nicht etwa von Gesellschaftskritikern der Frankfurter Schule wie Habermas oder Adorno – Schlagwort ihrer Adepten: Sport ist doof –, sondern aus einem Brief Senecas an Lucilius, geschrieben vor etwa 2000 Jahren.

Zweifel an der EWG-Gipfelkonferenz

Nach den Besuchen des französischen Außenministers Schumann in Bonn und London ist es immer noch fraglich, ob die EWG-Gipfelkonferenz wie geplant am 19.

Dokumente der Zeit

„Mein Bruder Präsident Julius Nyerere, Oberkommandierender der tansanischen Volksverteidigungskräfte. Im Namen meiner eigenen Person, der ugandischen Streitkräfte, meiner Regierung und ebenso im Namen der zehn Millionen Ugander, die mich bei meiner Politik gegenüber den Asiaten, die britische Staatsbürger sind, unterstützt haben, sende ich Ihnen diese Botschaft.

US-Wahlkampf: 1347:1 für Nixon

Das Wahlergebnis war nicht überraschend: Mit 1347 gegen eine Stimme (sie fiel dem liberalen Gegenkandidaten McCloskey zu) wählte der Nationalkonvent der Republikaner in Miami Beach Richard Nixon zum Präsidentschaftskandidaten.

Zum drittenmal Notstand in Chile

Zum drittenmal seit Beginn seiner Regierung mußte der chilenische Präsident Salvador Allende den Notstand ausrufen. In der Provinz und Hauptstadt Santiago übernahm das Militär in der Nacht zum Dienstag voriger Woche die vollziehende Gewalt.

Olympische Spiele: Gelungener Auftakt

Am Samstag vergangener Woche um 16.36 Uhr eröffnete Bundespräsident Heinemann die 20. Olympischen Spiele in München. Die Eröffnungsfeier im mit 80 000 Menschen vollbesetzten Olympiastadion fand in der ganzen Welt nahezu uneingeschränktes Lob.

Streit um Etat und Renten

Der Bonner „Vorwahlkampf“ konzentrierte sich in der vergangenen Woche auf den Haushalt 1973 und die Rentenerhöhung. Daneben entspann sich eine Kontroverse zwischen Barzel und Brandt.

Noch im Herbst Beziehungen mit Peking?

Außenminister Scheel wird aller Voraussicht nach Mitte Oktober in die Volksrepublik China reisen. Der Termin steht noch nicht fest, dürfte aber zwischen dem FDP-Parteitag (1.

Aktuelle Krisenherde

Der israelische Verteidigungsminister Dayan behauptet – so meldeten verschiedene israelische Zeitungen in der vergangenen Woche –, daß Jordanien zu einem Separatfrieden mit dem westlichen Nachbarn bereit sei.

Deutsche Querelen

Da hatte man sich wieder so ganz in den Umstand geschickt, daß Bücher eben folgenlos seien. Aber kaum dringt ein Buch in die Olympischen Spiele ein, diese gigantische Übereinkunft, daß die politischen Konflikte unter den Völkern zwar gegeneinander symbolisch ausgespielt, aber um keinen Preis ausgesprochen werden dürfen: sofort ist es auch schon aus mit der fröhlich-friedlichen Eintracht.

Olympia: Kindheit der Vernunft?

Aber soll ich davon sprechen, wie ich darüber denke? Es mag sein, daß ich mich selber öfters eines lebhaften Genusses beraube, aber dafür habe ich den Vorteil, mich selten in meiner Erwartung getäuscht zu finden.

Zeitmosaik

Am vorigen Freitag hat Laie Andersen noch ihr eben erschienenes Buch „Der Himmel hat viele Farben“ in Wien präsentiert, tags darauf hatte sie einen Schwächeanfall, am Dienstag früh sechs Uhr starb sie in einem Wiener Krankenhaus.

Argumente für und gegen: Festspiele

Die Festspiele in Salzburg und in Bayreuth liegen hinter uns. Sie sind, wie jedes Jahr, wegen ihres Millionenaufwandes bei umstrittener künstlerischer Ausbeute, heftig befehdet worden.

Zum Tode von Hanns W. Eppelsheimer: Geordnete Erinnerung

Als ich ihn kennenlernte, war er ein älterer Herr, dem man das nicht anmerkte, und für mich zunächst ein Unmensch, ich es unvorstellbar fand, daß zerfledderte Nachschlagwerke, die unsereiner täglich im Germanistischen Seminar benutzte, um irgendein weltliterarisches Loch zu stopfen oder sich für die nächste Seminararbeit auf die sekundärliterarischen Sprünge helfen zu lassen, daß solche Bücher also einen lebenden Autor haben könnten.

Filmtips

Im Fernsehen: „Robin Hood“ (USA 1938), von Michael Curtiz und William Keighley (ZDF 6. September). Es gibt wohl kaum einen Film, der geeigneter wäre, ein nicht mehr existierendes Genre in Erinnerung zu bringen: Hollywoods Kostümfilme, diese trivialen Technicolor-Märchen mit ihren grandiosen Kulissen, prächtigen Gewandungen, finsteren Schurken und strahlenden Helden, die alle ein bißchen aussehen wie Douglas Fairbanks.

Schallplatte

Immer wieder die gleiche Frage: Kann Musik politisiert werden? Henze versucht es über politische Texte und symbolisierende Instrumentationen.

Kunstkalender

Klaus Fussmann bekam in diesem Jahr den Preis der Villa Romana in Florenz und den Preis der Böttcherstraße in Bremen. Die Berliner Nationalgalerie hat ihn als einen der wesentlichen jungen Berliner Maler ausgestellt.

Peter Handkes Kulturerlebnisse: Einmal ziemlich erschrocken

Aufsätze oder Essays zu einem Kulturthema beginnen meistens wie bei Helmut Heißenbüttel: „In der Diskussion um die Grundlagen der Moderne gewinnen immer mehr zwei geistesgeschichtliche Epochen einen entscheidenden Stellenwert.

Kritik in Kürze

„Zwei auf der Flucht“, Roman von Joseph Hayes. Trotz des zutreffenden Titels ist dies kein Thriller. Einfältige „Spannung“ kommt kaum auf.

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