Für den Kannibalismus unter Menschen gibt es zahlreiche Beispiele aus der Vergangenheit und Gegenwart. Sehr selten jedoch wurde beobachtet, daß Säugetiere einander auffressen. Von Schimpansen war dies bisher völlig unbekannt. Jetzt berichtete der Verhaltensforscher J. D. Bygott von der University of Cambridge (England) über Kannibalismus unter wilden Schimpansen in Ostafrika (Nature, 18. 8. 72).

Im Budong-Wald in Uganda beobachteten im letzten Jahr Wissenschaftler, wie der Anführer einer Affenhorde das Fleisch eines neugeborenen Affenbabys verzehrte. Die anderen Männchen zeigten sich sehr interessiert und betasteten den noch lebenden Kindeskörper. Nach zwei Stunden entfernte sich die Gruppe, wobei der Anführer den Kadaver mit sich schleppte.

Der zweite Fall, den Bygott selbst beobachtete, ereignete sich im Gombe-Nationalpark (Tansania) im September 1971. Eine Gruppe männlicher Schimpansen war zwei weiblichen, offensichtlich fremden Affen begegnet und hatte sich sofort auf die Ältere der beiden gestürzt, die ein Junges bei sich trug. Als sich der Kampfesknäuel auflöste, waren die Weibchen verschwunden. Der Gruppenführer, von Bygott als Humphrey bezeichnet, hielt den blutenden Körper eines eineinhalb Jahre alten Affenkindes in der Hand, hob ihn an den Beinen hoch und schlug den Babyschädel mehrmals gegen einen Baum. Nach drei Minuten begann er, von dem Kind Fleisch abzureißen und es zu fressen. Der älteste Affe der Gruppe, Mike, durfte sich jetzt nähern und ein Bein des kleinen Tieres abreißen.

Humphrey behielt den Kadaver für etwa eineinhalb Stunden. Die jüngeren Affen beobachteten mit gespannter Aufmerksamkeit, wie er mit dem toten Körper herumspielte, ihn dann wieder gegen einen Baum schlug und auf den Boden warf. Wenn sich Humphrey ruhend zurücklehnte, berührten auch sie den Kadaver und spielten daran herum. Nur das Weibchen, das inzwischen zur Gruppe gestoßen war, zeigte keinerlei Interesse an dem Fleisch.

Als Humphrey den Kadaver nach eineinhalb Stunden wegwarf, stürzte sich Mike darauf und nagte daran eineinhalb Stunden herum. Nach ihm kamen die sozial niedriger gestellten Schimpansen zum Fressen. Sechs Stunden nach dem "Mord" waren erst die Gliedmaßen und der Genitalbereich abgenagt. Bygott schließt daraus, daß das Baby den Affen weniger als Nahrungsquelle denn als Objekt der Neugierde interessant war.

Wie Bygott betont, sind unter anderen Affenarten, wie etwa Pavianen, in den letzten elf Jahren 60 Fälle von Kannibalismus beobachtet worden. Dabei gingen die – nur aus männlichen Tieren bestehenden – Affenhörden immer nach demselben Prinzip vor: Einzeltiere, zwei bis zehn Kilo schwer, wurden von ihren Gruppen isoliert, eingekreist und getötet. Ein erfolgreicher Raubzug löste große Begeisterung, jedoch verhältnismäßig wenig Aggressionen unter den Beteiligten aus. Das getötete Tier wurde rasch und bis zum letzten Rest von den reiferen Männchen verzehrt.

Bygott ist geneigt, Kannibalismus unter Schimpansen als eine starke Abweichung von ererbten, "normalen" Verhaltensweisen zu sehen. Er glaubt, daß der Ursprung des Tötens von Artgenossen in der verhältnismäßig nahen Vergangenheit liegt und daß die Natur in dieser kurzen Zeit noch keine Gelegenheit hatte, diese Abweichung wieder auszumerzen. Der Forscher hält es aber auch für möglich, daß Kannibalismus als Ausnahmefall schon immer vorkam – und zwar dann, wenn Affenhorden sich in einer außergewöhnlich aggressiven Stimmung befanden, wie etwa vor dem Töten des Affenkindes im Gombe-Nationalpark. Carl Defner