Von Sepp Binder

Die Fenster des Verwaltungsgebäudes im olympischen Dorf waren verdunkelt. Im fahlen Scheinwerferlicht der vielen Polizeifahrzeuge hingen die olympischen Fahnen auf halbmast. Schaulustige ließen sich nur widerwillig von Absperrposten hinter die Hamburger Reiter zurückdrängen. Journalisten diskutierten erregt vor den verschlossenen Toren, und Kameramänner haderten mit ihrem Schicksal: Der Zutritt in die Wohnstätte der zehntausend Olympiateilnehmer war um diese Zeit selbst Sportlern mit Dorfausweis versagt. Es war Dienstag, der 5. September, 22 Uhr. Im ZDF hatte man Tschaikowskis Symphonie in b-moll eingespielt: Olympia muß Trauer tragen.

Nur für wenige Minuten hob sich plötzlich der Rauchschleier verwirrender Meldungen, der an diesem schwarzen Septembertag über den so jäh unterbrochenen Spielen lag. Einen Augenblick lang gewährte der Krisenstab, bestehend aus Bundesinnenminister Genscher, dem Münchner Polizeipräsidenten Schreiber und dem bayerischen Innenminister Bruno Merk, einen winzigen Einblick in seine Strategie. Auf einem provisorisch eingerichteten Landeplatz setzten drei Bell-Hubschrauber des Bundesgrenzschutzes auf. Ein Bus, begleitet von mehreren Polizeifahrzeugen, fuhr in den offenen Kreis eines tiefgestaffelten Absperrkordons. Vermummte Gestalten stießen mehrere Männer mit über Kreuz gefesselten Händen in die beiden ersten Maschinen und kletterten hinterher. Der Krisenstab stieg in den dritten Hubschrauber, die Rotoren heulten auf, und nach wenigen Sekunden waren die rot-grün pulsierenden Positionslampen der Geistermaschinen am Münchner Nachthimmel verschwunden.

Doch während die Neugierigen in langen Karawanen zum Flughafen nach Riem rasten, drehten die Maschinen nach Westen ab und nahmen Kurs auf den Militärflughafen Fürstenfeldbruck. Die Polizei versuchte, – das Gesetz des Handelns nach sechzehn Stunden an sich zu reißen; sie verlagerte den Ort des olympischen Dramas aus einem belebten, schwer kontrollierbaren Bereich in ihren Aktionsraum. 23 Stunden nach dem Beginn der brutalen Zerstörung des olympischen Friedens, Mittwoch drei Uhr morgens, traten die Polizeiverantwortlichen vor die erschütterte Welt: Die Aktion war gescheitert.

04.30 Uhr. Zwei Postbeamte sehen auf dem Weg zum Dienst mehrere Männer mit Trainingstaschen über ein verschlossenes, unbewachtes Nebentor ins Olympische Dorf klettern. Die Postler tippen auf olympische Spätheimkehrer, die den Zapfenstreich verpaßt hatten. Wenige Minuten später dringt ein schwerbewaffneter Terrortrupp der palästinensischen Freischärler „Schwarzer September“ in das Männerquartier der israelischen Mannschaft im vierten Stock der Gonollystraße 31 ein. Die israelischen. Sportler und ihre Betreuer wehren sich verzweifelt. Der Gewichtheber Moshe Weinberg und sein Mannschaftskamerad Joseph Romano sterben in den Salven der MP-Garben, drei Israelis können fliehen. Zwanzig Minuten später ist das Haus bereits hermetisch von der Polizei abgeriegelt.

07.12 Uhr. Über den Balkon der besetzten Wohnung werfen die Terroristen ein „Fünf-Punkte-Kommuniqué“ mit ihren Zielen ab. In englischer Sprache fordern sie darauf ultimativ die Freilassung von rund zweihundert Arabern, die sich in israelischer Haft befinden. Zudem verlangen sie freies Geleit mit einer Maschine in ein arabisches Land. Die Geiseln wollen sie mitnehmen. Die Guerillas nennen sich „revolutionäre Streitkräfte“ und drohen Israel und der Bundesrepublik „eine sehr harte Lektion“ an.

07.20 Uhr. Der Krisenstab beginnt zu tagen. Die ersten Verhandlungen mit der Terrorbande scheitern: Die Araber lehnen es ab, gegen Lösegeld in unbegrenzter Höhe die Geiseln freizulassen. Auch das Angebot von Innenminister Genscher und Regierungssprecher Ahlers, sich gegen die festgehaltenen Israelis austauschen zu lassen, scheitert. Das Ultimatum kann auf zwölf Uhr, später auf dreizehn Uhr. verlängert werden.

10.27 Uhr. Der israelische Botschafter Ben Horin fliegt mit einer Bundeswehr-Sondermaschine nach München. Der Leiter des Bonner Büros der Arabischen Liga, Chatib, eilt herbei. Die ersten öffentlichen Stellungnahmen werden abgegeben. Die Weltöffentlichkeit ist bestürzt. Willi Daume nennt den Überfall ein „wahnwitziges Verbrechen“ und hofft, „daß der olympische Friedensgedanke stärker ist als der politische Fanatismus zynischer Mörder“. Avery Brundage ist für die Fortsetzung der Spiele, Das israelische Kabinett fordert die Unterbrechung der Wettbewerbe: „Man kann sich nicht vorstellen“, so sagt Ministerpräsidentin Golda Meir, „daß die Spiele weitergehen können, als ob nichts geschehen wäre.“

10.35 Uhr. Im Schloß Nymphenburg und in Feldmoching beginnen planmäßig die Wettkämpfe der Dressurreiter und der Kanuten. Die Polizei räumt die umliegenden Wohnungen. In der Morgensonne vor dem Haus Nummer 31 sitzen drei Ungarn und essen Weintrauben. Die uruguayische Mannschaft, bislang Nachbarn der Israelis, darf zum Frühstück gehen und erzählt unterwegs: „Einen der Terroristen haben wir bereits gestern auf dem Flur gesehen.“

11.50 Uhr. Das ZDF stellt seine Berichterstattung von den Wettkampfstätten ein. Bundeskanzler Brandt ist unterwegs nach München.

14.53 Uhr. Das Ultimatum wird erneut verlängert. Ein IOC-Mitglied stellt fest: „Die Spiele fallen in Scherben.“ Demonstrationszüge formieren sich vor dem olympischen Dorf und fordern den Abbruch der Spiele. Die DDR verurteilt „das verabscheuungswürdige Verbrechen auf das allerschärfste“.

15.42 Uhr. Das IOC tagt. Der deutsche Schwergewichtsmeister Peter Hussing boxt gegen einen Peruaner. Das IOC beschließt, die olympischen Wettbewerbe für 24 Stunden zu unterbrechen. Eine Trauerfeier wird für den kommenden Tag im Olympiastadion angesetzt. Die Missionschefs erörtern den Ablauf der Schlußfeier am Ende der Spiele.

16.22 Uhr. Die ägyptische Mannschaft packt die Koffer und reist ab. Der siebenfache Goldmedaillengewinner Mark Spitz fliegt unter Sicherheitsvorkehrungen in die USA zurück. Spitz ist jüdischen Glaubens. Das Ultimatum wird auf 19.00 Uhr verschoben.

19.53 Uhr. Vor dem olympischen Dorf singen Demonstranten den Protestsong „We shall overcome“. Sportler im Dorf stimmen ein. Der Bundeskanzler stellt lakonisch fest: „Die heiteren Spiele sind zu Ende.“

Doch während Verteidigungsminister Georg Leber im Fernsehen die Bereitstellung von Bundeswehrmaschinen für den Abtransport der Guerillas für denkbar hält, hat sich der Krisenstab längst festgelegt: Er will die Aktion auf deutschem Boden zu Ende bringen. Der Verhandlungsspielraum ist bis aufs äußerste ausgeschöpft worden. Es ist 21.00 Uhr. Die Terroristen weigern sich, einem Aufschub ihrer Forderungen bis zum nächsten Morgen zuzustimmen: „Ihr wollt uns nur hereinlegen.“ Im Krisenstab sieht man in einem möglichen Abflug der Guerillas mit den Geiseln das sichere Todesurteil für die Israeli. Ein Gespräch des Bundeskanzlers mit dem ägyptischen Ministerpräsidenten scheitert an dessen Haltung.

In fieberhafter Eile wird der Flugplatz Fürstenfeldbruck zum polizeilichen Entscheidungsraum vorbereitet. Scharfschützen werden postiert, eine Boeing 727 zur Täuschung bereitgestellt. Nicht jede Situation jedoch läßt sich auf Generalstabskarten bis ins letzte Detail durchplanen. Der Risikospielraum ist der Gradmesser der Geiselgefährdung: Die landenden Hubschrauber werfen lange Schatten auf das Rollfeld. Die Zielsicherheit der Schützen ist verringert. Zwei Terroristen steigen aus den Maschinen, nehmen die Hubschrauberpiloten als zusätzliche Geisel und inspizieren die Boeing 727. Das IOC beschließt in diesem Augenblick, die Spiele fortzusetzen.

22.34 Uhr. Der Feuerwechsel beginnt. Nicht alle Araber werden kampfunfähig geschossen. Ein Freischärler wirft eine Handgranate in einen Hubschrauber. Er geht in Flammen auf. MP-Salven auf die Löschfahrzeuge, auf den Hubschrauber und die Leitzentrale im Tower verhindern die Rettung der Geiseln. Die Chronik des Entsetzens nähert sich ihrem schockierenden Ende. Vor der Weltöffentlichkeit muß die Bundesrepublik eine erschütternde Bilanz ziehen: Keiner der neun Geiseln überlebte das Inferno von Fürstenfeldbruck. Mit ihnen starb ein Münchner Polizist durch Kopfschuß. Vier Terroristen sind tot.

Die Zeit des Spielens ist vorbei. Die schlimmste Nacht der Bundesrepublik geht zu Ende / Die Tage der Trauer beginnen.