Von Joachim Schwelien

Washington, im September

Im äußeren Erscheinungsbild gleicht er einem der jungen amerikanischen Athleten, die in München Medaillen wie reife Kirschen pflückten: knapp mittelgroß, schlank, sportlich, ein offenes Gesicht, umrahmt mit langem und modisch, aber sorgfältig gestutztem Haar, ebenmäßige Züge, saloppe und nicht unbedingt telegene Kleidung – so sitzt Gary Warren Hart im vierten Stock der demokratischen Wahlkampfleitung in Washington, in einem Gebäude übrigens, durch das der Spuk des Mißerfolges und der Frustration geistert, denn noch vor wenigen Monaten diente es dem schon in Vergessenheit versunkenen Senator Edmund Muskie als Stabsquartier. Gary Hart freilich hält nichts von Omen und anderen Vorzeichen; er ist der Typ des jungen, pragmatischen Polit-Managers, den man wohl nur in Amerika in so großer Zahl antrifft. Das Wort Fehlschlag steht in ihrem Sprachschatz nicht verzeichnet. Gary Hart bekräftigt seine Zuversicht mit dem nonchalanten Spruch: „Nette Kerle müssen nicht unbedingt als letzte durchs Ziel gehen!“

Der Ausgang des Feldzuges, den er als Wahlkampfleiter des demokratischen Präsidentschaftskandidaten George McGovern führt, kann Gary Hart leicht der Fehlkalkulation überführen. Wenige bezweifeln, daß er ein „netter Kerl“ ist. Doch nur wenige Amerikaner glauben noch, daß er seinem Kandidaten am 7. November zum Sieg verhelfen kann. Wahrscheinlich wird es nicht einmal ein Photo-Finish mit Präsident Richard Nixon zeigen Die Stoppuhren der Hart nungsumfragen zeigen eher an, daß Gary Hart und der Senator aus Süddakota mit weitem Abstand abgeschlagen über die Bahn nach Hause humpeln werden.

Doch für diesen knapp 35 Jahre alten Rechtsanwalt aus Denver im fernen westlichen Bergnicht Colorado scheinen Sieg oder Niederlage nicht die letzten Kriterien des selbstgewählten politischen Auftrages zu sein. Bis dahin völlig unbekannt, ist er in einigen Monaten als politischer Star aufgestiegen. Das geschah, als er mit Organisationstalent, enormem persönlichem Engagement und einem unerschütterlichen Glauben an das, was er als die „Intelligenz des amerikanischen Wählers“ bezeichnet, dem ebenfalls beinahe namenlosen Senator George McGovern mit einigen beachtlichen Siegen über die Runden der Vorwahlen half und seinem Mann, dem im Frühjahr nur drei Prozent der Wähler eine Chance gaben, die Nominierung als Präsidentschaftskandidat auf dem demokratischen Parteikonvent verschaffte.