Die Inflation hat die Arbeitslosigkeit als ökonomische Krankheit der Industrieländer abgelöst

Von „schleichender“ Inflation kann in vielen Industrieländern kaum noch die Rede sein. Das Tempo der Geldentwertung hat inzwischen auch die Regierungen solcher Staaten alarmiert, in denen die Preisstabilität traditionellerweise weit hinter anderen politischen Zielen rangiert – Frankreich und Italien ergriffen jetzt drastische Maßnahmen. Doch ein allgemeingültiges Rezept für den Kampf gegen die Inflation gibt es nicht.

Die Wissenschaftler sind sich über ihre Ursachen ebenso uneins wie über die zu empfehlenden Gegenmittel. Ein John Maynard Keynes, der Mitte der dreißiger Jahre mit seiner „Beschäftigungstheorie“ die ökonomischen Waffen gegen die Arbeitslosigkeit, die wirtschaftliche Krankheit der damaligen Zeit, lieferte, ist im Lager der Geldwertverteidiger noch nicht aufgetaucht.

So wurstelt sich jedes Land auf seine Art durch. Je nach wirtschaftspolitischer Doktrin versucht man es mit Zollsenkungen, Preis- und Lohnstopps, Einschränkung der Staatsausgaben, Wechselkursmanipulationen, Beschränkung der Kreditvergabe oder Steuererhöhungen, beziehungsweise einer Kombination dieser und anderer Maßnahmen – meist mehr oder weniger erfolglos. Gelegentlich artet der Kampf gegen die Teuerung auch zu unfreiwilliger Komik aus.

Der Präfekt von Rom beispielsweise wollte die Lebensmittelpreise, die in einem Jahr um zehn Prozent gestiegen sind, durch eine Höchstpreis-Verordnung an die Kette legen. Daraufhin machten die römischen Metzger sowie die Obst- und Gemüsehändler einfach ihre Läden zu. Die Höchstpreise liegen vielfach unter ihren Einstandspreisen auf dem Großmarkt. Viele Verbraucher mußten sich deshalb auf schwarzen Märkten versorgen und dabei Preise zählen, die weit höher, lagen als vor Erlaß des Preisstopps im Handel.

Nicht ganz so dilettantisch, aber kaum weniger erfolglos verliefen, die Experimente mit dem Preisstopp in anderen Ländern. In Schweden beispielsweise kletterten die Preise trotz dieser Maßnahme 1971 mit einer Jahresrate von 7,7 Prozent. Seit Aufhebung des Preisstopps Anfang 1972 stiegen die Lebensmittelpreise bis heute um weitere 5,5 Prozent.

Auch die Planwirtschaft ist nur in der Theorie gegen den Inflationsbazillus gefeit. Einige Beispiele: Jugoslawien mußte den Dinar in 25 Jahren achtmal abwerten. In der Sowjetunion wurde 1960 der „alte Rubel“ im Verhältnis zehn zu eins in neue Rubel umgetauscht. Geld in den Taschen der Werktätigen, dem kein ausreichendes Warenangebot gegenübersteht, bedeutet ebenfalls Inflation.