Überlisteten Japans Werften ihre europäischen Konkurrenten?

Seit Deutschlands Werften im Frühling dieses Jahres der Bundesregierung die gewünschte Enquete über ihre Lage zugeleitet hatten, warteten sie auf ein Lebenszeichen aus Bonn. Doch dort tat sich wenig.

Nun sahen sich die Schiffbauer zum Nachsetzen gezwungen. Norbert Henke, stellvertretender Vorsitzender des Verbandes Deutscher Schiffswerften und Vorstandsmitglied der Howaldtswerke-Deutsche Werft, brachte an die Öffentlichkeit, was in der Branche eigentlich schon seit einiger Zeit bekannt war: Die japanische Reederei Sanko Steamship Company habe innerhalb kurzer Frist Aufträge an mittlere japanische Werften mit einer Gesamttonnage von 3,8 Millionen Tragfähigkeitstonnen vergeben. Sanko habe schon die Orders für 44 Tanker der Größenordnung zwischen 80 000 und 90 000 Tonnen und einen 250 000-Tonnen-Tanker erteilt, die ab 1974 geliefert werden sollen. Über weitere elf 250 000-Tonnen-Tanker und 18 Schiffe von 120 000 Tonnen werde noch verhandelt.

Das große Interesse der deutschen Werften an dem japanischen Schiffseigner kommt nicht von Ungefähr. Sie vermuten einen Trick. Mit dieser Abwicklung von Inlandsaufträgen nämlich, so argumentieren die deutschen Schiffbauer, umgehe Japan eine von allen OECD-Ländern unterschriebene Abmachung. Darin sind für Schiffsexporte feste Richtlinien für staatliche Finanzierungshilfen vorgesehen. Die OECD-Vereinbarungen sollten erreichen, daß Japan nicht über die ohnehin schon behauptete Hälfte des Welttankermarktes hinausstößt. An Hand der Charterraten für dieSanko-Schiffe, von denen auch die deutsche Hamburg-Süd-Reederei eines gechartert hat, errechneten Deutschlands Schiffskonstrukteure, daß Sanko die Schiffe nur auf Grund von Subventionen bauen lassen kann, die weit über dem OECD-Rahmen liegen. Mithin, so folgerten die Deutschen, handle es sich in der Wirkung um eine unzulässige Exportförderung. Denn die Schiffe kämen schließlich auf den Weltmarkt und blieben nicht etwa in Japan.

Die Konsequenz aus Hamburg: Bei diesem offensichtlichen Verstoß gegen den fairen Wettbewerb auf dem Schiffbaumarkt müsse man bezweifeln, „ob Japan überhaupt noch vertragsfähig“ sei. Zum Zweifel angeregt werden sollte die Bundesregierung. Und Henke wußte, wie Bonn reagieren sollte: mit handelspolitischen Maßnahmen gegen andere japanische Exportindustrien wie Fernsehgeräte, Photoapparate oder Textilien.

Jedoch: Die japanische Regierung und die großen Werften, die einem Arrangement mit den Europäern nicht einmal abgeneigt gegenüberstehen, müssen den Sanko-Aktionen untätig zusehen. In Japan selbst gibt es keine Absprachen oder Bestimmungen über Produktions- und Exportbeschränkungen für Schiffe. Die Regierung kann lediglich durch die Subventionierung nach dem staatlichen Schiffbauprogramm einigen Einfluß auf die teilnehmenden Gesellschaften nehmen. Seit 1956 aber nimmt Sanko an diesem staatlichen Schiffbauprogramm gar nicht mehr teil.

Doch der Knallbonbon hatte seinen Zweck bereits erreicht. Staatssekretär Karsten Rohwedder vom Bundeswirtschafts- und finanzministerium kündigte die ersehnte finanzielle Spritze für die Werften an: Die nach dem 7. Werfthilfe-Programm vorgesehenen Mittel für den Export bestimmter Schiffe in Höhe von bislang 3,9 Milliarden Mark sollen erheblich aufgestockt werden. Darüber hinaus sind zusätzliche Exportfinanzierungshilfen vergeben worden.