Düsseldorf

Die im Verwaltungsrat des Westdeutschen Rundfunks wohl-tätigen Landespolitiker, allen voran Landtagspräsident Dr. Wilhelm Lenz (CDU), geben jährlich großherzige Beispiele eines jetzt plötzlich heftig umstrittenen Mäzenatentums. Bislang konnte stets vermieden werden, daß Beschenkte erfuhren, mit wieviel der andere eigentlich an den Überschüssen des Westdeutschen Rundfunks partizipierte, doch ein Rundfunkratsmitglied, stets um Profil und Händelei bemüht, beendete die Diskretion.

So rieben sich denn etliche Zeitgenossen die Augen, beispielsweise der neue Hausherr im Düsseldorfer Schauspielhaus, Generalintendant Ulrich Brecht. Nach der Spendenliste des Verwaltungsrates hatte sein Theater zuletzt 150 000 Mark an WDR-Zuschüssen erhalten, während die „Deutsche Oper am Rhein“ in der Landeshauptstadt 400 000 Mark quittierte. Niemand will bis zur Stunde erklären, warum das so ist. Landespolitiker und WDR-Intendant Klaus von Bismarck hüllen sich in Schweigen und verweisen ansonsten auf das 1954 vom Landtag beschlossene Rundfunkgesetz, Paragraph 23, Absatz II: „Überschüsse, die sich nach Abzug der eigenen Ausgaben und der notwendigen Rücklagen ergeben, unterstehen der Verfügung des Verwaltungsrates. Sie sind im Einvernehmen mit der Landesregierung ausschließlich für kulturelle Zwecke zu verwenden.“

Zu den Nutznießern dieser gesetzlichen Hilfsaktion zählen indirekt auch die politischen Parteien. Die Konrad-Adenauer-Stiftung der CDU-Anhänger und die Friedrich-Ebert-Stiftung der SPD-Freunde wurden bei der letzten Jahresabrechnung des WDR mit je 750 000 Mark bedacht, die Wolfgang-Döring-Stiftung der FDP aber mußte sich mit 240 000 Mark begnügen. Gegen diesen „unmöglichen Proporz in der Kasse“ protestierten denn auch jetzt Freie Demokraten.

Doch sicherlich hat im Verwaltungsrat Innenminister Willi Weyer (FDP) nicht gefehlt, als die Gebühren-Reste von Hörern und Sehern verteilt wurden: insgesamt 13 Millionen Mark. Natürlich sind auch der Kolpingfamilie, dem evangelischen Erziehungswerk und der Gewerkschaft Spenden angetragen worden, von denen die führenden WDR-Mitarbeiter klagen, es handele sich um „Notopfer“, weil der Sender schon lange keine wirklichen Überschüsse mehr hat und vor drastischen Einsparungsmaßnahmen stehe, wenn auch Silvester 1972 wieder so viel Geld aus der Kasse genommen werde.

Intendant Klaus von Bismarck sieht aber noch andere Gefahren. Er muß mit einem Prozeß der WDR-Kunden rechnen, die monatlich insgesamt für Ton und Bild 8,50 Mark zahlen. Sie bleiben ungefragt, ob mit ihren Groschen etwa die Freilichtbühne Billerbeck zur Pflege der Heimatkunst unterstützt werden soll. Auch Landtagsjuristen „schwant nichts Gutes“, wenn sie an das Gericht denken. Momentan jedoch sind die Landespolitiker von SPD, CDU und FDP im Verwaltungsrat, der sich als das „Regierungsorgan“ des Senders versteht und dies auch den Intendanten oft schmerzhaft fühlen läßt, im Gerangel mit anderen Rundfunkanstalten der ARD. Dort ballt sich Zorn zusammen, weil das Geld „nicht vorn und hinten“ reicht. Dr. Wilhelm Lenz, Vorsitzender des WDR-Verwaltungsrates, versperrt aber diesen Weg der ARD-Kollegen mit einem kategorischen Nein und, den soeben erst formulierten Appell, „mehr als bisher zu rationalisieren“. Die Betroffenen erwidern inzwischen, der Finanzausgleich unter den Sendern müsse geändert werden, und zwar zu Lasten des WDR, solange seine Herrn noch Millionen „zum Fenster hinauswerfen“ könnten. Speziell diesen Vorwurf will aber selbst von Bismarck nicht gelten lassen, denn schließlich werde mit dem Geld „die Kulturlandschaft Nordrhein-Westfalens“ berieselt.

Horst-Werner Hartelt