Zum zweitenmal innerhalb eines Jahrzehnts droht das französische Flugzeug Mirage in der Schweiz einen Skandal zu entfesseln. Im Sommer 1961 hatten die eidgenössischen Räte beschlossen, für 871 Millionen Franken 100 Maschinen des Typs zu kaufen. Im Herbst 1964 mußte das Bundesparlament beschließen, für nur 57 Maschinen 1,5 Milliarden zu bezahlen. Umbauten, ein Hang zum überperfektionismus, falsch geschätzte Entwicklungskosten, menschliche Unzulänglichkeiten, Fehlentscheidungen, aber auch schwere Verfehlungen an der Auswahl Beteiligter trieben die Preise in die Höhe, den Wehrminister und hohe Offiziere aus dem Amt.

Dieser Skandal sollte sich nicht wiederholen. Als Mitte der sechziger Jahre die Entscheidung über ein neues Kampfflugzeug anstand, holte man sich einen Fachmann, den heute 46jährigen Ingenieur Heiner Schulthess. Doch auch diesmal klappte es nicht.

Vorige Woche trat Rüstungschef Schulthess zurück. Nach sechs Jahren, so monierte er, habe sich der Bundesrat noch immer nicht zu einem Beschluß durchringen können. Dabei habe das von ihm geleitete Evaluationsverfahren eindeutig ergeben: Die Schweiz sollte 60 Maschinen des amerikanischen Typs Corsair bestellen und nicht den französischen Typ Mirage-Milan. Doch gerade an diesem Evaluationsverfahren hatte Paris heftige Kritik geübt, und Schulthess beschwerte sich, daß Bern sich dagegen nicht entschieden genug verwahrt habe.

Der Bundesrat zeigte sich ob dieser Vorwürfe „befremdet“ – nicht ganz zu Recht. Denn Schweizer Zeitungen enthüllten ein Stück politischer Exportförderung der Franzosen, das schärfere Ablehnung verdient hätte. Schon während der Brüsseler Verhandlungen über den Schweizer EWG-Vertrag hatten die Franzosen angedeutet, daß sie für ihr Entgegenkommen eine Gegenleistung Berns bei der Flugzeugbeschaffung erwarteten. Das Tauschangebot wäre unter dem Mantel diplomatischer Höflichkeit verborgen geblieben, hätte nicht der Mirage-Produzent Dassault in einem Interview eine heftige Attacke gegen Schulthess und die Schweizer Auswahlmethoden geritten: Die Mirage sei von Anfang an benachteiligt worden. Für Dassault geht es um einen Auftrag von 1,3 Milliarden Franken, für Bern um einen neuen Skandal.

Denn daß der Bundesrat in dieser Frage eine ungewöhnliche Enscheidungsscheu an den Tag legte, kann niemand leugnen. So sah man der Ankunft einer französischen Delegation mit ausgesprochenem Unbehagen entgegen. Zwar solle sie, so hieß es, nur allfällige Mißverständnisse ausräumen, aber ein unangenehmer Verdacht bleibt – zumal jetzt Stimmen laut werden, daß die Entscheidung für das neue Kampfflugzeug tatsächlich noch einmal überdacht, werden müsse: Es riecht nach einem faulen Kompromiß.

Horst Bieber