Von Frank Grube und Gerhard Richter

Der Olympia-Boom auf dem bundesdeutschen Büchermarkt, die Sonder-, Luxus- und Superalben mit all ihren bunten Bildern und den ach so sachverständigen Kommentaren namhafter Fernseh- und Rundfunkjournalisten – bestätigen sie nicht drastisch, daß viele Menschen in unserem Lande noch immer an die „heile Welt Olympia“ glauben? Politische Querelen – etwa der Ausschluß rhodesischer Sportler, von Afrikanern unverhohlen als politischer Sieg gefeiert, oder der spektakuläre Anschlag auf die israelische Mannschaft – und die Frage nach Sinn oder Unsinn heutiger Olympiaden werden allenfalls am Rande berührt. Statt dessen werden die angeblich völkerverbindenden Ideale der Spiele hervorgekehrt, ist die Rede vom Sport als Freiraum in der leistungsorientierten Gesellschaft. Deshalb ist es vonnöten, auf eine Studie hinzuweisen, worin. die wechselseitigen Beziehungen zwischen Sport und Politik analysiert werden:

Hans-Joachim Winkler: „Sport und politische Bildung. Modellfall Olympia“; Leske Verlag, Opladen 1972; 192 S., 12,80 DM.

Winkler, Ordinarius für Politikwissenschaften in der Universität Hagen, will ergründen, wie das gesteigerte Interesse am Spitzensport für das Erkennen von politisch-ökonomischen Interessen nutzbar gemacht werden kann. Ihm geht es um die „politischen Aspekte des Schausports und um Rückschlüsse, die man aus diesen Aspekten für das gesamte politische System ziehen kann“.

In einem historischen Abriß legt er dar, wie fragwürdig bereits das immer wieder, beschworene antike Vorbild der Olympischen Spiele gewesen sei: Auch damals war der „reine Amateur“ Mangelware; die Sieger wurden fürstlich entlohnt, einige erhielten lebenslange Renten und vurden, ähnlich den heutigen Olympiastars, als nationale Helden gefeiert. Hinter dem Amateurideal des Begründers der modernen Olympischen Spiele, Pierre de Coubertin, entdeckt Winkler bestimmte nationalistisch-feudalistische Interessen, so die Idee des rebronzer la France, also die Stärkung der französischen Jugend für den imperialen Wettstreit, so das Amateurstatut als Barriere gegen aufkommende Emanzipationsforderungen der Arbeiterklasse.

Der „Klassen- und Rassencharakter“ antiquierter Amateurbestimmungen ist oft genug sichtbar geworden: 1912 wurden dem für Amerika startenden Indianer und überragenden Zehnkämpfer Jim Thorpe die Goldmedaillen aberkannt, weil er Jahre vorher angeblich ein paar Dollars bei einem Baseballspiel angenommen hatte. Der schwedische Feldwebel Person wurde 1948 disqualifiziert, da in der „Military“ (olympische Sportart noch heute!) nur Offiziere als Amateure anerkannt werden.

Daß die Olympischen Spiele außerordentlich politische Bedeutung für die Ausrichterstaaten haben, wird seit Berlin 1936 von niemandem ernsthaft bestritten: Jene Olympischen Spiele demonstrierten der Weltöffentlichkeit ein Bild Deutschlands, wie Hitler es sich wünschte: „stark, sauber, diszipliniert und nordisch“. Zugleich identifizierte sich das deutsche Volk in einem Anflug nationaler Selbstbestätigung wohl zum ersten und einzigen Mal fast völlig mit dem „Führerstaat“. Und München heute?