Von Carl-Christian Kaiser

So schnell, wie es zunächst den Anschein hatte, wird „Goethe“ nicht in den Ausstand treten. Zwar feilt die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) weiter an den Streikplänen für die Niederlassungen des Goethe-Instituts zur Pflege deutscher Sprache und Kultur im Ausland, aber in realistischer Einschätzung der ungewissen politischen Lage will sie erst zum Arbeitskampf blasen, wenn in Bonn wieder gesicherte Verhältnisse herrschen. Darüber kann es Frühjahr 1973 werden.

Der Blick nach Bonn ist zwingend, weil das Goethe-Institut (GI) zwar ein Privatverein ist, der seinen Sitz in München hat, aber hauptsächlich vom Auswärtigen Amt finanziert wird, weil seine Angestellten deshalb zu Staatstarifen oder daran orientierten Gehältern arbeiten und weil es zunächst um mehr Geld geht.

Erstens will die GEW den sogenannten Ortskräften – einheimische Mitarbeiter an den Auslandsniederlassungen des GI – unter die Arme greifen. Sofern sie deutscher Nationalität sind, sollen sie endlich dieselben und durch einen Tarifvertrag abgesicherten Bezüge wie die vergleichbaren deutschen Ortskräfte an den Botschaften und Konsulaten der Bundesrepublik erhalten. Eine solche Regelung würde auch den ausländischen – also nichtdeutschen – Ortskräften zugute kommen, für die kein Tarif ausgehandelt werden kann.

Zweitens will die Gewerkschaft dafür sorgen, daß die entsandten Kräfte – die aus der Bundesrepublik an die Institute geschickten Mitarbeiter – ebenfalls so viel Geld erhalten wie vergleichbare Angestellte an den deutschen Auslandsmissionen. Nach den Angaben der GEW sind Ortswie entsandte Kräfte bisher fast durchweg um zwei Vergütungsgruppen niedriger eingestuft.

Ob das stimmt, wird sich erst bei den jetzt beabsichtigten Einzelprüfungen zeigen. Bei einer Aufbesserung, aber dem Fortfall von Steuererleichterungen zum Beispiel könnte eine ganze Reihe von GI-Mitarbeitern schlechter dastehen als jetzt. Doch so verwirrend die Details sind, Unterschiede im Grundgehalt gibt es offenkundig.

Außenstehende nimmt das wunder, weil seit zwei Jahren für die entsandten Kräfte die Vorschriften des Bundesangestelltentarifs (BAT) ebenso gelten wie für das Botschaftspersonal. Deshalb müßte hier wie dort bei gleicher Tätigkeit auch dasselbe Salär gezahlt werden. Zur Lösung dieses Rätsels bieten sich zwei Annahmen an: entweder sind die Tätigkeitsmerkmale des BAT, nach denen sich Einstufung und Bezahlung richten, auf entsandte Kräfte falsch angewendet worden, oder diese Merkmale reichen nicht aus, um der Arbeit der „Goetheaner“ gerecht zu werden. Immerhin war es ein völliges Novum (und eine gewerkschaftliche Errungenschaft), daß Privatangestellte tariflich in den Bereich des öffentlichen Dienstes übernommen wurden.