Fünf Ereignisse haben in den fünf Jahren nach dem Juni-Krieg von 1967 die Situation im Nahen Osten geprägt, wenngleich nicht grundsätzlich verändert: der Aufbau einer scheinbar unauflösbaren Machtbasis der Sowjets in Ägypten, der Fehlschlag des ägyptischen Abnützungskrieges am Suezkanal, der plötzliche Tod Nassers, die Niederlage der palästinensischen Terroristen in Jordanien und der erzwungene Abzug der rund 20 000 sowjetischen Militärberater aus dem Nilland.

Diese Vorgänge bestimmen die Szene im arabisch-israelischen Konflikt, sie schufen auch neue Tatsachen – den Konflikt selber indessen vermochten sie nicht aus der Welt zu schaffen: Noch herrscht kein Friede, noch droht kein Krieg, noch herrscht das beide Seiten lähmende Patt. Noch verlangt Israel "sichere und anerkannte Grenzen", was direkte Verhandlungen, Gebietsannexionen und einen gemeinsam unterzeichneten Friedensvertrag voraussetzt; und noch fordert Ägypten Israels völligen Rückzug auf die Vorkriegsgrenzen, ohne Friedensvertrag und diplomatische Anerkennung als Gegenleistung. Obendrein beharren die Kontrahenten auch auf diesen Vorbedingungen: Jerusalem lehnt jede Form einer Großmächte-Garantie für den Fall einer Regelung ab, Kairo besteht demgegenüber auf deren Schutzfunktion.

Auch in dieser Hinsicht hat der Hinauswurf der Sowjets aus Ägypten keine radikale Änderung bewirkt. Der Konflikt ist dadurch nicht kleiner, die Aussicht seiner Lösung nicht günstiger geworden. Dafür sprechen die folgenden Gründe:

  • Ob mit oder ohne die sowjetischen Aufseher – Präsident Sadat kann keinen Krieg wagen, weil er weiß, er würde ihn wieder verlieren. • Sei es mit Hilfe Moskaus oder auch auf eigene Faust – Kairo kann Jerusalem seine Bedingungen für eine politische Lösung nicht diktieren.
  • Weder vermag die Sowjetunion, die immer noch Ägyptens einflußreichster Fürsprecher auf der internationalen Bühne ist, Kairo zum Einlenken zu zwingen, noch können die Vereinigten Staaten ihren israelischen Verbündeten derart unter Druck setzen, daß er von seinen Bedingungen abläßt.

So bleibt nach wie vor die einzige Möglichkeit für eine Beilegung der Spannung im Nahen Osten die schrittweise Annäherung der gegensätzlichen Standpunkte unter den unmittelbar Beteiligten. Dabei können die beiden Supermächte als Vermittler fungieren, sofern sie sich über ihre eigenen Interessen und Absichten in dieser Region geeinigt haben. Doch nicht einmal darüber herrscht gegenwärtig Klarheit. Erst recht nach dem Abzug der Sowjets aus Ägypten, der die Nahost-Planer im Kreml mit völlig neuen Tatsachen konfrontierte, ist ungewiß, was Moskau im Schilde führt.

Unbestreitbar ist vorläufig, daß die Sowjetunion durch Sadats barschen Befehl auf dem Feld ihrer Mittelmeer-Strategie eine empfindliche Niederlage erlitten hat. Die amerikanische Flotte kann ungehinderter operieren, Moskaus politischpropagandistische Offensive in der gesamten nordafrikanischen Sphäre ist gestoppt, sein Vordringen in den Indischen Ozean durch das Nil-Tor blockiert. Die Furcht der Nato-Kommandeure, Europas "weicher Unterleib" sei durch den sowjetischen Aufmarsch bedroht, ist fürs erste gebannt; die Sorge der ölabnehmer, Moskau könne jederzeit den Hahn zudrehen lassen, besteht nicht mehr. Auch mit Hilfe seiner übriggebliebenen Klienten in Syrien, im Irak und in Aden ist der Kreml fortan kaum in der Lage, politische oder wirtschaftliche Pressionen auf den Westen auszuüben. Wie also kann Moskau seine Kairoer Scharte auswetzen?

Sicher nicht dadurch, daß es sich auf die Seite Israels schlüge, durch die Wiederaufnahme der diplomatischen Beziehungen zu Jerusalem etwa. Damit ist ohnehin auf absehbare Zeit nicht zu rechnen. Eher schon kann der Kreml Sadat wieder zur Räson bringen, indem er ihn zwingt, jene rund zehn Milliarden Mark Schulden zurückzuzahlen, die in den militärischen und wirtschaftlichen Aufbau Ägyptens investiert wurden. Denn Kairo wird kaum einen anderen Geldgeber auftreiben, weder in Westeuropa noch in Amerika, der ihm in einer solchen Zwangslage beispringen kann.