Die Volksrepublik China, größter Staat der Welt und zugleich umjubelter Fürsprecher der kleinen und ausgebeuteten Länder, hatte am 15. November 1971 die Tore der Vereinten Nationen aufgestoßen, die ihr 22 Jahre lang verschlossen geblieben waren. Die Pekinger Fahne des Anti-Establishments flatterte und glänzte, als der stellvertretende Außenminister Tschiao Kuan-hua in der UN-Generalversammlung erklärte: „Wir sind gegen die imperialistische und kolonialistische Theorie, wonach Großmächte kleinen Ländern überlegen seien. Wir sind gegen die Machtpolitik und die Hegemonie-Doktrin, nach denen Großmächte kleine Länder, starke Länder schwache Länder schikanieren dürfen. China wird sich nie, weder heute noch in Zukunft, wie eine Supermacht verhalten.“

Vom Applaus und von den Hurras, mit denen dieses UN-Debüt im vergangenen Jahr gefeiert wurde, war jetzt, bei der zweiten chinesischen Premiere, nichts mehr zu spüren: Erstmals seit ihrem triumphalen Einzug griff die Mao-Delegation am 25. August 1972 im Sicherheitsrat nach dem Veto und blockierte kraft dieses Exklusivrechtes der Großmächte gegen eine Staatenmehrheit die Aufnahme Bangla Deshs in die Vereinten Nationen.

Im Sicherheitsrat war nicht einmal Pekings afrikanische Klientele – Somalia, Guinea und der Sudan – für die Partie gegen Bangla Desh zu gewinnen, das bereits Zweidrittel aller UN-Mitgliedsstaaten diplomatisch anerkannt hatten. Auf das Riesenreich der Mitte fiel der Vermacht, dem schwächlichen Embryo Bangla Desh genau mit jener erdrückenden Machtüberlegenheit entgegenzutreten, die Tschiao Kuan-Hua bei der UN-Ouvertüre so lautstark verurteilt hatte. Gegenüber diesem verarmten, nationalistischrevolutionären Drittweltstaat par excellence pochten ausgerechnet die Abgesandten Maos auf jenes „schmutzige“ Vetoprivileg, mit dem – aus der Sicht Pekings – die Kleinen von den Großen „manipuliert“ und „monopolisiert“ werden. Der chinesische Hauptankläger gegen die Supermächte präsentierte sich plötzlich als supermächtiger Mittäter.

Ist dies, wie die „konterrevolutionäre“ Wiederannäherung an die USA und das Stillehalten in Vietnam, ein weiteres Anzeichen dafür, daß in Peking der Gangwechsel von der „revolutionären“ Außenpolitik zur konventionellen Machtpolitik endgültig vollzogen worden ist? Ist der maoistische Veto-Sündenfall noch verzeihbar, oder ist auch das kommunistische China zu einer „Kanone ohne Munition“ geworden, wie der Kairoer Starjournalist Heikal kürzlich die Sowjetunion genannt hat?

Sicher hat die Last der Weltmacht, die die Chinesen seit ihrer Rückkehr auf die weltpolitische Bühne in zunehmendem Maße zu spüren bekommen, in der Pekinger Führung das Gewicht der Realpolitiker gegenüber den Ideologen verstärkt. Das UN-Veto war der vorläufig letzte Höhepunkt einer nachkulturrevolutionären Entwicklung auf dem Gebiet der Außenpolitik, die bereits im Sommer 1970 von Mao und Tschou En-lai beschlossen, aber erst seit 1971 erkennbar wurde: diplomatische Öffnung nach allen Azimuten und Vorrang der nationalen Interessenpolitik, gestützt auf die Respektierung internationaler Pflichten und zwischenstaatlicher Usancen und auf die Domestizierung subversiver Gelüste und revolutionären Ehrgeizes. Diese doktrinäre Mäßigung hat dazu geführt, daß auch Peking im Ring der Vereinten Nationen nach konventionellen Regeln um seine nationalen Anliegen boxt – selbst wenn dabei Habenichts-Jander, wie jetzt Bangla Desh, ein blaues Auge davontragen.

Zweifellos war Maos Veto gegen Bangla Deshs UN-Mitgliedschaft machtpolitisch motiviert. Das machte die Pekinger Volkszeitung deutlich, als sie dem sowjetischen Drängen zur Aufnahme des neuen Staates die Absicht unterstellte, „die sowjetische Aggression gegen den südasiatischen Kontinent zu legalisieren, um so die sowjetische Kontrolle und Expansion in diesem Raum weiter zu stärken“. Die weltweite Eindämmung des sowjetischen Einflusses, vor allem die Verhinderung der sowjetischen Einkreisung Chinas in Asien, sind die alles überragenden maoistischen Prioritäten auf dem internationalen Parkett. Nach ihnen richtet sich innerhalb und außerhalb der UN die Kompaßnadel der Pekinger Außenpolitik, die zugleich auch Sicherheitspolitik ist. Deswegen zieht China ohne ideologische Hemmungen und seiner propagandistischen Machtentsagung zum Trotz alle zur Verfügung stehenden machtdiplomatischen Register. Im Sicherheitsrat war dies die supermächtige Vetowaffe zur Bekämpfung, wie die Volkszeitung schrieb, der sowjetischen „Supermachtsaktionen“ – getreu dem Grundsatz, daß die Waffe in der eigenen Hand etwas ganz anderes ist als die Waffe in der Hand des Gegners ...

Peking hat zwar durch diese Machtdemonstration seine UN-politische Unschuld, aber nicht sein Gesicht und seine Gefolgschaft verloren: