Akupunktur: da liegt ein Chinese auf dem Operationstisch, unterhält sich mit den Anwesenden, liest Maos Sprüche und ißt eine Apfelsine – und währenddessen schneidet man ihm den Blinddarm heraus, ohne daß man vorher mehr getan hätte, als den Patienten mit einer Vielzahl dünner Nadeln gleichsam zu spicken.

Daß eine so einfache Manipulation völlige Unempfindlichkeit bewirken kann, dafür hatten die alten chinesischen Ärzte, die die Akupunktur erfunden haben, die Erklärung, ein Röhrensystem (die Meridiane) verbinde alle Organe des menschlichen Körpers mit bestimmten Haut-Punkten, deren Reizung das Organ im jeweils gewünschten Sinne beeinflussen könne. Die Röhren gibt es ohne Zweifel nicht, und die angegebenen Verbindungslinien stimmen auch nicht mit den histologisch bekannten Nervenbahnen überein.

Wie also wirkt die Akupunktur? Professor Pat Wall Schmerzspezialist, Neurologe am University College in London, ist sicher, daß es sich um eine Form von Hypnose handelt und bringt dafür eine ganze Reihe einleuchtender Argumente.

Zunächst weist er darauf hin, daß die Schmerzempfindung keineswegs die automatische und unausbleibliche Folge einer Gewebeverletzung ist. Der Schmerz ist vielmehr in hohem Maße davon abhängig, ob der Patient meint, er müsse nun Schmerzen haben, oder ob er aus irgendwelchen Gründen gar keinen Anlaß sieht, Schmerz zu empfinden. Experimente mit den stärksten schmerzstillenden Mitteln haben im doppelten Blindversuch einwandfrei ergeben, daß von 100 Patienten, die glaubten, eine Morphium-Spritze bekommen zu haben, 60 danach tatsächlich keinen Schmerz mehr empfanden – obwohl in der Spritze nur eine Kochsalzlösung enthalten war.

Dem Schmerzempfinden liegt also eine „Entscheidung“ des Gehirns zugrunde. Solche Entscheidungen werden bei der Hypnose dem Hypnotiseur übertragen: Der Hypnotisierte führt aus oder empfindet, was der Hypnotiseur befiehlt. Nur bei kleinen Kindern bleibt die Hypnose wirkungslos: Sie sind noch nicht imstande, ihre Entscheidungen derart zu delegieren. Offenbar bleibt aber auch die Akupunktur auf das Schmerzempfinden kleiner Kinder ohne Einfluß – jedenfalls führt Pat Wall als Argument für seine These die Tatsache an, daß diese Behandlungsmethode bei Kindern nicht angewandt werde. Wäre die Akupunktur – so argumentiert Wall – tatsächlich eine direkte Beeinflussung der zu einem Organ gehörigen Nerven, so müßte sie auch bei Kindern wirken, denn deren Nervensystem unterscheidet sich nicht grundsätzlich von dem der Erwachsenen.

Hypnose ist mit Worten und Gesten des Hypnotiseurs verbunden. Bei der Akupunktur sind es nach Wall die Nadeln und das umständliche Verfahren ihrer Applikation, die hypnotisierende Wirkung tun. Hinzu kommt freilich das Vertrauen in die Tauglichkeit des Verfahrens, wie ja auch die Hypnose nicht gegen den Willen des Patienten möglich ist. In diesem Zusammenhang ist wichtig, daß der Patient in China selbst entscheiden kann, ob er eine Narkose wünscht oder die Akupunktur, über die er, falls er sie wählt, dann noch ausführlich belehrt wird; und nicht bei allen, die sich für die Akupunktur entscheiden, ist sie auch wirksam.

Wenn Walls These zutrifft, daß die Akupunktur nichts anderes ist als eine Form der Hypnose, dann heißt das auch nach Walls eigener Ansicht keineswegs, daß sie etwa abzulehnen wäre. Jede Narkose birgt Risiken, also könnte es auch westlichen Medizinern nur recht sein, wenn man eine Möglichkeit fände, sie zu vermeiden. Um die Akupunktur einzuführen, müßte dann zunächst einmal das Vertrauen in diese Behandlungsweise geweckt und verbreitet werden; im gleichen Maße, wie dies geschähe, würde sie auch ihre Wirkung tun.