Nur im Hockey brillierten die Bundesdeutschen

Von Jürgen Werner

Vom Schüler bis zum Weltmeister – eine Familie“ – so lautet das Motto, unter dem Gerhard Gralla, Generalsekretär des Deutschen Ruderverbandes (DRSV) in der DDR, in einer für die Olympischen Spiele herausgegebenen Broschüre den Rudersport seines Landes vorstellt. Nach Abschluß der olympischen Ruderwettbewerbe gilt das Gegenteil dieser Metapher für die Ruderer aus der Bundesrepublik.

Noch nie war der Ruderkrieg im Hause des Ruderverbandes um Mittel und Methoden für eine systematische Aufbauarbeit und gezielte Förderung von leistungsstarken Ruderern so erbittert wie nach der Niederlage von Oberschleißheim, der für fast 70 Millionen Mark erbauten Regattastrecke. „Ihr baut die Anlagen, wir holen die Medaillen“, höhnten Funktionäre aus der DDR, nachdem sie die Wettkampfstätten für die Olympiade bewundert hatten. Sie machten ihre Prognose wahr.

Als einzige Nation war die DDR in allen sieben Endläufen vertreten und holte sieben Medaillen – drei goldene, eine silberne und drei bronzene. Die Bundesrepublik errang dagegen eine goldene und eine Bronzemedaille in fünf Finalrennen. „Wir müssen versuchen, die Motivation zu differenzieren und zu erhöhen. Der Olympiasieg allein macht es nicht. Dabei war die Moral der Mannschaft noch nie so gut wie diesmal.“ Dr. Claus Hess, Präsident des Deutschen Ruderverbandes (DRV), versucht eine Analyse des deprimierenden Ergebnisses. „Wir haben optimal gearbeitet, der richtige Weg ist eingeschlagen, alle machen weiter.“ Doch schon bei dieser Aussage trifft er auf Widerspruch. Karl Adam bezog sich in unserem Gespräch noch einmal auf den Methodenstreit mit dem Trainer des Vierers ohne Steuermann, Siegfried Kuhlmey-Becker, der für gleichmäßiges Tempo statt für maximale Belastung bei der Vorbereitung der Ruderer plädiert. „Die Amerikaner und Neuseeländer haben es uns jetzt vorgemacht. Mit dem Ruderergometer, der präzise die Belastung und den Ablauf eines Rennens simuliert, haben sie exakt die Leistungen ihrer Ruderer gemessen. In Einzelrennen mußten sie dann gegeneinander fahren und sich qualifizieren. Die besten acht kamen dann in den Achter. Punktum. Meine Mannschaft aber war nur zweite, wenn nicht dritte Wahl. Die knapp einjährige Vorbereitungszeit war zu kurz.“

„Kurzsichtige Vereine“

Adams Thesen bestätigte Ted A. Nash, Coach der Amerikaner und selber Olympiasieger in Rom im Vierer ohne Steuermann: „They have to work hard.“ Obwohl auch er generell in Amerika die Autonomie des Universitätssportes als Hindernis für eine zentrale Vorbereitung auf Olympische Spiele beklagte – analog dazu spricht Karl Adam von der „lächerlichen Kurzsichtigkeit der Vereine“ –, so galt das diesmal nicht für den amerikanischen Achter. „Das erstemal waren sie vier Wochen im Camp. Die besten Athleten aus den Qualifikationsrennen wurden in den Achter gesetzt, die nächstbesten in den Vierer mit Steuermann.“