Von Wolfram Siebeck

Ja", sagen sie und blicken in die Runde, "das hier ist noch heile Welt!" Dann lassen sie ihre Kinder von der Leine. "Geht ein bißdien spielen! Seht mal, was für ein großer Garten!" Und zu mir gewandt: "Wo sind denn eure Kinder?" Ich zucke die Achseln. "Im Dorf oder im Wald. Irgendwo." – "Haben sie hier nicht etwas wenig Anregungen?" – "Vielleicht; aber dafür haben sie hier Platz zum Spielen!" Damit es nicht ganz so arrogant klingt, setze ich schnell hinzu: "Gewiß, in ihrer intellektuellen Entwicklung sind Stadtkinder meistens etwas weiter als unsere."

Das heitert den Stadtvater wieder auf. Er verschwendet jetzt keinen weiteren Blick mehr an die etwas groß geratene Natur und geht mit mir ins Haus. Ich öffne eine Flasche von dem Fendant.

Da stürmen die intellektuell Angeregten ins Zimmer. "Da sind Wespen im Garten!" brüllen sie angewidert. Die Mutter steht auf. "Geht doch nach oben in die Kinderzimmer", schlägt sie vor. "Dort könnt ihr Platten hören oder Spiele machen!" – "Ach, Scheiße!" widersprechen sie und stürzen sich auf den frei gewordenen Sessel. "Das ist doch langweilig!"

Während nun auch meine Hausfrau einige Vorschläge zum besten gibt, ziehe ich mich mit dem Besucher in die Bibliothek zurück, wo ich ihm die Adresse eines guten Steuerberaters gebe. Früher zeigte man den Gästen an dieser Stelle eine Erstausgabe vor. Seit aber die Inkunabeln von den Stereoboxen verdrängt sind, ist die Literatur in den Regalen zur Minderheit verkümmert. Außerdem hat uns die Quick-Affäre gezeigt, wie wichtig ein guter Steuerberater für einen Journalisten ist. Den vereinten Müttern ist es inzwischen gelungen, die beiden Stadtkinder mit der Aussicht auf die dort herumliegenden Comic-Hefte doch noch ins obere Stockwerk zu schicken. So haben wir Gelegenheit, einige anerkennende Worte über das eidgenössische Weinbaugesetz zu wechseln.

Diesmal kommen sie langsam herein und geben erst auf Anfrage bekannt: "Das sind doch alles alte Comics; die kennen wir längst. Provinz ist das hier!" Immerhin wissen sie, daß man auch in der Provinz fernsehen kann. Und das wollen sie jetzt. Da appelliert der Vater an die frühentwickelte Vernunft seiner Kinder: "Geht doch lieber wieder in den Garten! Wenn ihr hier fernseht, können wir uns gar nicht mehr unterhalten." – "Geht ihr doch in den Garten!" lautet ihr Gegenvorschlag, und ich bin gerade bereit, ihn ernsthaft zu diskutieren, da stößt die kleinere der Intelligenzbestien, die es sich inzwischen in meinem Sessel bequem gemacht hat, mein Glas um. Es fällt auf die Fliesen vor dem Kamin und zersplittert, wie nur ein 100jähriges Kristallglas zersplittern kann. Der Kleine zeigt Symptome von Erschrecken. Glücklicherweise sieht es der Vater. Hurtig ergreift er sein Glas, trinkt es auf einen Zug leer und pfeffert es mit Schwung in den Kamin. "Siehst du", jubelt er seinem Sohn zu, "das, ist gar nicht schlimm, hab’ ich gerade auch gemacht, haha!" Da sucht der Kleine erleichtert nach dem Glas der Mutter. "Ich mußte es tun", klärt mich der Vater auf, "er hätte sonst Schuldkomplexe gekriegt!"

Drei Gläser später treibt der Hinweis auf reife Pflaumen die Knaben doch noch einmal in den Garten, wo sie von unseren heimkehrenden Deppen aufgegriffen und fürchterlich verprügelt werden. Die hatten hinterher nicht einmal Schuldkomplexe, was deutlich beweist, wie provinziell ihre intellektuelle Entwicklung hier auf dem Lande verläuft.