Von Luise Rinser

Am ersten Abend macht mir alles Angst. Moskau riecht nach schlechtem Benzin und nach dem scharfen Desinfektionsmittel, mit dem die Straßen eifrig abgespritzt werden. Meine Nase erinnert sich noch nach 27 Jahren an den Gefängnisgeruch. Sauberkeit und Säuberung, das liegt mir zu nahe beisammen. Aber Gott sei Dank, nur Moskau ist so desinfiziert.

Habe ich denn Grund, mich zu ängstigen? War ich überwacht? Hätte es sich gelohnt? Wäre es überhaupt möglich gewesen? Ich machte im Schriftstellerverband, dessen Gast ich war, nie ein Geheimnis daraus, wohin ich ging. Im Gegenteil: Als ich am Anfang nach meinen Wünschen befragt wurde, erbat ich mir Ausgefallenes: daß man mir Verbindung herstelle zum Oberrabbiner von Moskau, zum Metropoliten, zum katholischen Pfarrer, zu jemandem vom Staatskirchenamt. Man hat mir diese und ähnliche Begegnungen aufs beste arrangiert. Einiges sagte ich nicht vorher, aber nachher. Ich tat, als gebe es nichts Unerwünschtes. Ich unterstellte einfach eine normale Freiheit innerhalb des gegebenen Systems. Die Methode hat sich bewährt.

Hätte man mir auch ein Treffen etwa mit Solschenizyn erlaubt? Ich hätte ihn auch ohne Wissen des Verbandes besuchen können. Ich wollte nicht. Er ist ein scheuer leidender Mann. Freunde von ihm sagten es mir. Jüdische Freunde übrigens. Dozenten und Professoren an Universitäten. Wie: Gibt es denn keinen Antisemitismus? Es heißt offiziell, daß 25 Prozent aller an den Universitäten Lehrenden Juden seien. Von offizieller Seite hört man auch, Juden seien in vielen wichtigen Stellungen, denn ein Staat, in dem es an die 200 verschiedene Volksstämme mit etwa 150 Sprachen und vielen Religionen gibt, könne sich keinen Rassismus leisten. Ich hörte auch von sowjetischen Juden selbst nichts, was dem widerspräche. Aber vielleicht ist auch das kein Beweis, weder für noch gegen die offizielle Behauptung.

Ja, aber: Warum läßt man Juden nicht auswandern? Ich habe alle Juden danach gefragt, die mir begegneten. Die Auskunft: Juden sind hochqualifizierte Kräfte solche läßt man nicht auswandern. Hätten die Juden keine politische Affäre draus gemacht, wäre keine draus geworden. (Ich berichte, was ich hörte.) Nicht antisemitisch ist man, sondern antizionistisch und antiisraelisch. Die Juden haben alle Freiheit, das heißt, genausoviel Freiheit wie die Nicht-Juden.

Keine Schlangen

Aber das weiß ich noch nicht am ersten Abend auf der Moskauer Gorkistraße. Da sehe ich erst einmal Touristisch-Attraktives, zum Beispiel das große Warenhaus, das zu später Stunde noch offen ist. Ein Gebäude wie ein Spielkasino: Kristall-Kronleuchter, Spiegel, Marmor. Es gibt alles: viele Brotsorten, viele Käsesorten, Fische, Wein, Kaffee, Torten, Obst. Und nicht teuer. Viele Käufer, aber keine Schlangen. In den einzelnen Wohnblocks geben die Berufstätigen morgens ihre Bestellzettel ab und holen am Abend die Waren, samt den Kindern aus dem Kindergarten. Vieles ist beneidenswert gut organisiert. Anderes nicht. Wie überall auf unserer Erde.