Bei der schönen Eröffnungsfeier der Olympischen Spiele war im Gelübde der Sportler auf französisch vom „Esprit chevaleresque“, auf englisch von „Sportmanship“ die Rede. Auf deutsch aber hieß diese Tugend „Fairneß“. Also wollten die Teilnehmer französischer und englischer Sprache „ritterlich“ und „sportlich“ sein, die Deutschen, Österreicher und Deutsch-Schweizer aber „fair“. Von diesem Fremdwort ganz abgesehen Was ist mehr – ritterlich oder fair? Und wie die Angelsachsen sich wieder aus der Klemme ziehen! Sie haben das Wort „fair“ erfunden, aber wollen doch lieber ganz einfach „sportlich“ sein.

Und da wir gerade beim Nachdenken sind: Beim prächtigen Einzug der Sportler sahen wir, was aus dem olympischen Gruß geworden ist. Nur wenige streckten vor der Ehrentribüne noch die rechte Hand aus. Dies waren die wahrhaft Unschuldigen. Die anderen ruckten mit den Köpfen, nahmen Hüte ab, schwenkten sie sogar. Sie alle müssen-– und sei es im Kino – jene Grußform gesehen haben, die Hitler in Deutschland und Mussolini in Italien eingeführt hatten. Mit dem Untergang dieser Diktatoren ging auch der olympische Gruß dahin, den diese aus der Antike übernommen hatten. Wann wird die Erinnerung an sie verwunden sein?

Und da wir gerade bei der Politik sind: Damals, als der Hitler-, Mussolini- und der olympische Gruß die gleiche Hand- und Armbewegung waren, gewannen die deutschen Olympioniken in Berlin (1936) die meisten Medaillen (89) vor den Amerikanern, den Ungarn, den Italienern und den Finnen. Die Franzosen, die an sechster Stelle waren (19 Medaillen), erweckten nachher Reue und Leid und beschworen ihre Regierung, mehr für den Sport zu tun. Das ist lange her. Die Franzosen sind noch immer in derselben Lage, diesmal gemeinsam mit anderen, vor allem den Westdeutschen. Beschwören wir also gemeinsam nach wie vor unsere Regierungen, mehr für den Sport zu tun! Doch indem wir sie beschwören, spüren wir den Wurm des Zweifels in unseren Seelen. Warum gewinnen die Russen immer? Warum die DDR-Deutschen? Es scheint, daß nur die Amerikaner es verstehen, olympische Kampfkraft und Demokratie zu vereinen; wir anderen aber werden wohl das politische System wechseln müssen, wenn wir olympisch siegen wollen. Demokratie und Medaillensegen – das verträgt sich wohl nicht, jedenfalls nicht in Europa. Wir müssen wissen und festhalten, was uns mehr wert ist: Demokratie oder Medaillen.

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Ob es indessen einen Ausweg gibt? Wie wäre es etwa mit dem Versuch, die Symbiose zwischen Goldmedaillen, Nationalhymnen und Nationalfarben abzuschaffen? Wenn anstatt des jeweiligen Nationalgesanges die Olympiafanfare angestimmt und statt der Nationalfahne die Olympiaflagge hochgezogen würde, wenn also nicht stets und ständig die Nation am Sieg, des Sportlers beteiligt wäre, würde sich manches ändern.

Übrigens hätte die Abschaffung der Symbiose zwischen Sport, diversen Hymnen und Fahnen noch einen Vorteil: Es würde bei den Spielen weniger geweint.