Hartmut Lange, der eben noch Trotzki für die Bühne zum kleinbürgerlichen Kaninchenzüchter herunterstilisierte, hat Kleists „Marquise von O.“ zum zweitenmal in andere, in Bühnenumstände gebracht. Die von einem russischen Besatzer heimlich während einer Ohnmacht Geschwängerte ist bei Lange eine preußische Gräfin, ihr vermeintlicher Retter und unerkannter Schänder ist ein französischer Offizier der napoleonischen Kriege.

So ähnlich also die Ausgangslage des Langeschen Dramas mit Kleists Novelle bleibt – was sich an Handlung daran anschließt, ist leider eine ziemlich trostlose Mischung aus Love Story in der markigen Mark Brandenburg, Brecht-Epigonentum mit einem plattgewalzten Herr-Knecht-Schema, krampfhaftem Augenzwinkern mit Bühnenmitteln der romantischen Ironie und dem schenkelschlagenden Humor eines in nachfritzische Tage verlegten Vaudevilles.

Love Story: der Schwängerer liebt die Geschwängerte vergebens und einen Bühnenabend lang. Obwohl er mit Hilfe eines Erbonkels ein Ehenest in Neapel mietet, will sie nur den künftigen Vater ihres Kindes heiraten. Und als er sich dazu bekennt, reicht sie ihm zwar die Hand zur Legitimation, besteht dann aber auf erneuter Trennung. Er röhrt und leidet und schießt sich (dies die einzig entscheidende Änderung zur ersten Fassung) am Ende eine Kugel durch den Kopf: such is theatre!

Brecht-Epigonentum: sie, die immer der Moral lebte, wird schwanger von ihren Eltern arg verstoßen und mit einem Knecht in Verdacht gebracht. Also legt sie sich den Knecht, der vor Angst etwas widerstrebt (denn die Rechnung, weiß Brecht!, bezahlen immer die kleinen Leut’, mit Apostroph), eine Weile ins Bett: Nur wer in Unzucht lebt, lebt angenehm.

Romantische Ironie: irgendwann erklärt jemand, daß er nun schon durch einige Szenen dieses Stücks gewankt sei. Die Bühne ist nicht das Leben; Lange ahnt es und verschweigt es nicht.

Humor schließlich: der Bräutigam in Neapel sieht mit idealischer Empörung, daß neben seiner mittels Onkel frisch erworbenen Villa ein Bordell liegt. Er ist schockiert. Der Onkel jedoch macht eine Pointe und sagt, daß ein Bordell in der Nähe für eine Ehe schon mit Rücksicht auf die Ehefrau gut sei.

Bei diesem Witz, der eher einem angetrunkenen Betriebsausflug als einer Premiere angestanden hätte, gab es brausendes Gelächter im Hamburger Thalia-Theater, wo die „Uraufführung der Neufassung“ stattfand: die Spielzeit hat uns wieder. Die Schauspieler trugen Kostüme, die den Zuschauer glaubhaft in frühere Tage versetzten, ein Held (Heinz Trixner) überschlug die Stimme oder schlug die Hand vor die Stirne, wenn er sich liebend ungeliebt wähnte, ein Onkel war komisch, ein Bediensteter treuherzig, aber auch realistisch, trug gröberes Wollzeug. Ein preußischer Vater knarzte mit der Stimme, eine Mutter übte die komische Verzweiflung des Salons.